VG-Wort

oder
Alkohol - Der globale Rausch
Alkohol - Der globale Rausch
© Tiberius Film © 24 Bilder

Kritik: Alkohol - Der globale Rausch (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Nach dem "System Milch" (2017) knöpft sich Filmemacher Andreas Pichler des Menschen liebste Droge, den Alkohol, vor. Weil der Regisseur selbst gern ein Glas Wein trinkt und Drogen nicht kategorisch ablehnt, hat er seinen jüngsten Dokumentarfilm zu einer persönlichen Reise gemacht. Darin geht er den Fragen nach, warum wir trinken, was Alkohol mit uns macht und warum wir seine Gefahren verdrängen.

Die subjektive Perspektive, die aus Pichlers Ich ein gesamtgesellschaftliches Wir macht, ist klug gewählt. Schließlich ist jeder im Kinopublikum, selbst wer keinen Alkohol trinkt, von der Droge umgeben – durch Werbung, beim Einkauf, beim Ausgehen. Und schließlich hat fast jeder schon einmal Alkohol probiert und Erfahrungen mit dessen Wirkung gesammelt.

Die Einsichten sind nicht alle neu, aber alarmierend. Besonders die Zahl der Alkoholkranken – weltweit sind das 140 Millionen Menschen – und die drei Millionen Todesopfer durch Alkoholmissbrauch jedes Jahr sind ein Weckruf. In einer Zeit, die drängenden Themen wie dem Klimawandel, Rassismus, Sexismus und sozialer Ungleichheit mehr Aufmerksamkeit schenkt, kommt Pichlers Sensibilisierung für ein allzu gern verdrängtes, weil allgemein akzeptiertes Problem gerade richtig.

Das Thema ist jedoch komplex. Es reicht ebenso weit in eine jahrtausendealte Anbau- und Genusskultur hinein wie in deutlich jüngere wirtschaftliche und politische Verquickungen. Es hat ebenso mit einem gesunden Umgang wie mit ungesunden Rauscherfahrungen und Suchtgefahr zu tun. Dementsprechend gilt es, den Nutzen gegen Risiken und (Folge-)Schäden abzuwägen.

Pichler ist um einen objektiven Blick bemüht, hat aber erwartungsgemäß kaum Vertreter aus Industrie und Politik vor die Kamera bekommen. Wo Interviews abgelehnt wurden, macht er dies kenntlich. Und statt nur die Probleme durch (einen zu hohen) Alkoholkonsum aufzulisten, zeigt er auch mögliche Lösungswege auf, hin zu einer Gesellschaft, die mit der Volksdroge Nummer eins bewusster umgeht.

An vielen Stellen greift dieser Dokumentarfilm allerdings zu kurz. Angesichts der schlanken Laufzeit von eineinhalb Stunden ist der Sachverhalt für eine tiefere Analyse schlicht zu vielschichtig. Einen Denkanstoß, das eigene Verhältnis zum Alkohol und den gesellschaftlichen Umgang damit kritisch zu hinterfragen, liefert er aber allemal – vielleicht ja in geselliger Runde bei einem Glas Wasser.

Fazit: Obwohl Alkohol weitaus mehr Schaden verursacht als alle anderen (legalen und illegalen) Drogen zusammen, ist er gesellschaftlich akzeptiert. Ohne den Alkohol zu verteufeln, forscht Filmemacher Andreas Pichler den Ursachen dafür nach. Sein Dokumentarfilm sensibilisiert für ein wichtiges, gern verdrängtes Problemfeld, wird der vielschichtigen Thematik aber nicht immer gerecht.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.