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Kritik: Nahschuss (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Nahschuss" basiert auf der wahren Geschichte des letzten Hinrichtungsopfers der DDR, Werner Teske. Nachdem dieser rund acht Jahre für die Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit gearbeitet hatte, entwickelte er ab den mittleren 70er-Jahren erhebliche Zweifel am System DDR und seiner Rolle darin. Bevor er sich absetzen oder die Flucht in den Westen vollziehen konnte, wurde er vom Obersten Gericht der DDR wegen "vollendeter Spionage" zum Tode verurteilt.

13 Jahre nach ihrem gefeierten Langfilmdebüt "Vineta" präsentiert Franziska Stünkel mit "Nahschuss" das berührende, emotional gewichtige Porträt eines Mannes, der am System DDR zerbricht und zu Grunde geht. Ein politisches und Justiz-System, das sich durch menschenverachtende, unnachgiebige Härte auszeichnet und auch vor der Todesstrafe nicht zurückschreckt, um Abtrünnige und am System Zweifelnde rigoros zu bestrafen. Das Spannende ist, dass man nicht von vorneherein mit der ambivalenten Hauptfigur mitfiebert und auf ihrer Seite steht.

Denn Walter hatte auch egoistische Züge, war zu Beginn seiner Karriere durchaus auf den eigenen Vorteil bedacht und ließ sich dafür sogar von der Stasi vereinnahmen. Gewissermaßen ein Ausverkauf der Moral und Prinzipien zum Zwecke persönlicher Bereicherung. Doch als er im Rahmen seines Auftrags zu immer heimtückischeren Maßnahmen greifen soll (es geht um die Bespitzelung eines in den Westen geflohenen DDR-Fußballers), wachsen die Bedenken und Zweifel an seinen Taten. Den allmählichen Absturz von Walter und seinen immer weiter voranschreitenden Niedergang schildert "Nahschuss" hochspannend und elektrisierend.

Dies liegt unter anderem an der brillanten Darstellerriege, unter der Lars Eidinger als Franz Walter und Devid Striesow als persönlicher Mentor des studierten Ingenieurs hervorstechen. Walter und sein Vorgesetzter Hartmann (Striesow), der stellvertretend für den Unrechtsstaat steht, liefern sich ein mitreißendes Duell auf Augenhöhe. Außerdem überzeugt die klaustrophobische Bildsprache, die den Eindruck des "eingesperrt seins" für den Zuschauer verstärkt und ein beständig beklemmendes Gefühl, das Walter spätestens ab Filmmitte beschleicht, visuell greif- und erfahrbar macht.

Fazit: Zwischen Angst, Panik und Hilflosigkeit aufgeladene Atmosphäre trifft auf famose Schauspieler und symbolhafte Bilder. Ein Film, der im Gedächtnis bleibt.




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