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Kritik: Sword of God (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Medium Film, speziell im Kino, in einem dunklen Saal, auf einer großen Leinwand und mit einem perfekten Soundsystem, das ist auch immer ein sinnliches Erlebnis, das einen überwältigen kann. Das vergisst man allzu schnell – sei es aus Gewöhnung, sei es, weil nur noch wenige Filme auf diese audiovisuelle Überwältigung setzen. Diese Strategie gelingt nicht immer. Das Drama "Waves", eine Woche vor "Sword of God" in Deutschland gestartete, läuft beispielsweise stets Gefahr, seine Geschichte in seiner berauschenden Form zu ertränken. Auch "Sword of God" ist davor nicht gefeit, hat seine Story aber zum Glück auf ein Minimum beschränkt.

Mehr noch: Die Form gerät beim preisgekrönten Regisseur Bartosz Konopka nicht zum Selbstzweck. Wenn Jacek Podgórskis Kamera die raue Landschaft in fahles Licht taucht, gemeinsam mit den Figuren durch klamme Felsschluchten taumelt und dazu auf der Tonspur Wind und Wetter überdeutlich in den Vordergrund drängen, dann macht Konopka die Lebensumstände im frühen Mittelalter spürbar.

Dasselbe gilt für die heidnischen Bräuche und Rituale. Ebenso unvermittelt, wie Konopka und seine Co-Autoren Przemyslaw Nowakowski und Anna Wydra das Publikum mitten ins Geschehen werfen, stürzt sich die Kamera auch mitten in die Menschenknäuel aus düsterer Fellkleidung und weißgeschminkten Gesichtern. Während das auf die Insel eindringende Christentum bereits für das Individuum steht, leben die Heiden noch im Kollektiv, das sich in ihren Ritualen auch als solches formiert. Ein Leib mit vielen Gliedern. Eigentlich eine biblische Vorstellung, doch das Christentum hat sich von der Heiligen Schrift bereits weit entfernt.

Konopkas Drama lebt von diesen Gegensätzen, von den zwei Welten, die bildgewaltig aufeinanderprallen, und von den Widersprüchen in Willibrords Worten und Werken. Dabei gelingen dem polnischen Filmemacher immer wieder faszinierende Bilder, die sich tief ins Gedächtnis brennen – etwa die fratzenhaften Masken, die der Schamane Pem in seinen Ritualen aufsetzt. Hierfür bedarf es übrigens keiner Computertricks. Konopka hat dafür den französischen Künstler Olivier de Sagazan engagiert, dessen Kunst sich um Masken aus Ton und Farbe dreht.

"Sword of God" ist ein filmisches Faszinosum. Dessen Faszination speist sich zum einen aus seiner Offenheit. Die Sprache der Heiden etwa ist nicht untertitelt. Das Publikum versteht sie erst, wenn es die Ritter tun. Zum anderen fasziniert die Ambiguität, die bis zur Bestimmung des Genres reicht. Auf den ersten Blick ist der Film ein Historiendrama. Durch seine Form fühlt er sich beim Betrachten aber mal wie ein Abenteuerfilm, mal wie ein Actionfilm, mal wie Fantasy, Trance oder (Alb-)Traum an. "Sword of God" ist ein ungefilterter Blick auf das Mittelalter mit blutigem Ausgang.

Fazit: Erzählerisch vorhersehbar, beeindruckt "Sword of God" durch seine Offenheit, Ambiguität und Form. Dem Regisseur Bartosz Konopka ist ein filmisches Faszinosum geglückt, das das Publikum mitten ins Geschehen wirft und sinnlich überwältigt. Ein wuchtiger Film mit bitterem Ende.




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