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Kritik: Die perfekte Kandidatin (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Haifaa Al-Mansour ist eine Filmpionierin. Ihre saudisch-deutsche Co-Produktion "Das Mädchen Wadjda" (2012) war nicht nur der erste Spielfilm einer saudi-arabischen Regisseurin, es war auch der erste vollständig in Saudi-Arabien realisierte Kinofilm überhaupt. Der Erfolg ihres Debüts brachte Aufträge im Ausland. Und auch hier blieb Al-Mansour einer weiblichen Perspektive treu. Sie drehte "Mary Shelley" (2017), ein Biopic über die "Frankenstein"-Autorin, und die Romanadaption "Alte Zöpfe" (2018), eine Netflix-Romcom aus Sicht einer verlassenen Frau. Nun kehrt sie zu ihren Anfängen zurück.

Drehte sich "Das Mädchen Wadjda" um eine Elfjährige, steht in "Die perfekte Kandidatin" eine Erwachsene im Zentrum. Beider Wünsche fordern das System heraus. Für manche Männer ist bereits Maryams Berufswahl eine Provokation. Nicht jeder will sich von einer Frau untersuchen, geschweige denn behandeln lassen. Ihre Kandidatur zum Gemeinderat strapaziert schließlich selbst gemäßigte Gemüter. Dabei wollte sich Maryam ursprünglich gar nicht um das kommunalpolitische Amt, sondern auf eine Stelle als Ärztin in Riad bewerben. Der Filmtitel ist vieldeutig, scheint Maryam (als Stellvertreterin für alle saudi-arabischen Frauen) doch in vielen Belangen perfekt (geeignet) zu sein.

Al-Mansour inszeniert das ruhig und unaufgeregt. Ihr Kameramann Patrick Orth zeigt Innenräume und Landschaften in warmen Farben. Komponist Volker Bertelmann setzt seine Musik nur vereinzelt und sehr dezent ein. Die Stücke, die Maryams Vater während seiner Konzerttournee spielt, dominieren. Dieser Wechsel von traditionellen und modernen Tönen passt gut. Der dezente Einsatz der formalen Mittel unterstreicht die Entwicklung der Protagonistin, die zwar immer entschlossener, aber stets behutsam vorgeht und dabei einen Schritt nach dem anderen macht.

Als Land ohne eigene Filmtradition versammelt Al-Mansour in ihrem leisen Drama viele frische, unverbrauchte Gesichter. Dabei kann sie sich voll und ganz auf die Newcomerinnen Mila Al Zahrani, Dae Al Hilali und Nora Al Awadh verlassen, die die drei Schwestern spielen. Besonders Al Zahrani in der Titelrolle beeindruckt durch ihr zurückhaltendes, aber nachdrückliches Spiel. Ihr Gesicht ist eines von vielen Gesichtern des Wandels. Denn durch all die Ungleichheit und Bigotterie (Frauen dürfen Auto fahren und Ärztinnen werden, aber nicht ohne Erlaubnis eines Mannes das Land verlassen) schimmert bei Al-Mansour stets die Hoffnung hindurch. Mit ihrer Protagonistin, die ihren Nikab irgendwann ablegt, öffnet sich auch die Gesellschaft. Zumindest ein bisschen.

Fazit: Nach zwei Filmen im Ausland wendet sich die Regisseurin Haifaa Al-Mansour wieder ihrer saudi-arabischen Heimat zu. Ihr jüngstes Drama erzählt unaufgeregt, aber nachdrücklich von der Emanzipation einer Ärztin. Versiert inszeniert, toll gespielt, sehenswert.




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