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Kritik: Cronofobia (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Spielfilmdebüt des schweizerischen Regisseurs Francesco Rizzi folgt zwei einsamen Menschen, die sich aus zunächst rätselhaften Gründen begegnen und Gefährten auf ihrer Reise durch die Dunkelheit werden. Anna leidet unter Schlaflosigkeit und Suter hat Albträume, aber wenn sie zusammen im Auto durch die Nacht fahren, halten sie ihre bösen Geister in Schach. Mit einer Dramaturgie, die ein Puzzle aus lauter einzelnen, nicht linear zusammenhängenden szenischen Splittern zusammensetzt, schürt Rizzi die Spannung und sorgt für Überraschungen. So könnte man Suter, der sein Auto vor Annas Haus parkt, ihr beim abendlichen Joggen folgt und sie sogar bei der Arbeit in der Mittagspause beobachtet, als Stalker bezeichnen. Dass Anna dann selbst die Nähe dieses Mannes sucht, ist nur eine der unerwarteten Wendungen in dieser stillen, beinahe traumwandlerischen Geschichte.

Allmählich, zögerlich, füllen sich die bruchstückhaften Szenen mit Zusammenhang und neuen Erkenntnissen. Die zeitliche Reihenfolge der Dinge erscheint klarer. Aber warum redet Suters Chefin davon, dass er sich seiner Paranoia stellen muss? Suter, der sich einen Schnurrbart oder Bart anklebt, um die Gaststätten und Geschäfte unerkannt zu testen, soll noch einmal einen Auftrag annehmen, bei dem er eine des Betrugs verdächtigte Person auf die Probe stellt. So etwas will er eigentlich nicht mehr machen, eine böse Erinnerung verfolgt ihn, eine Schuld. Suter ist so spezialisiert darauf, im Schatten zu sein, dass er selbst zum Schatten geworden ist. Anna jedoch gefällt gerade das. Sie ist hoch nervös, hat sich in ihrer Trauer um ihren Mann eingeigelt, sogar seine Zigaretten liegen noch auf dem Tisch, nichts soll verändert werden.

Und doch sehnen sich diese beiden Geschöpfe der Dunkelheit, des Verborgenen danach, gesehen zu werden. Zusammen erforschen sie ihre Plätze der Nacht oder der Anonymität, den Bahnübergang, zu dem sie joggt, die Autobahnraststätten, an denen er Momente der Ruhe oder gar des Friedens sucht. Von einem Gedicht über die Suche nach dem Paradies ist einmal die Rede, und poetisch mutet auch die zarte Flüchtigkeit dieser seltsamen Freundschaft an. Cronofobia heißt übrigens Angst vor dem Vergehen der Zeit. Die beiden Hauptcharaktere in Rizzis Film haben verlernt, sich dem Strom des Lebens anzuvertrauen. Aber in ihrem Sich-Treibenlassen zu zweit spüren sie das tröstliche Gefühl des Aufbruchs.

Fazit: Im Spielfilmdebüt des schweizerischen Regisseurs Francesco Rizzi reichen sich zwei Menschen, die ein ruheloses Schattendasein führen, die Hand. Warum der Mann ein Versteckspiel mit der Frau spielt, der er heimlich gefolgt ist, bleibt lange rätselhaft. So schürt die um innere und äußere Dunkelheit, um Schmerz und die Sehnsucht nach Erlösung kreisende Geschichte gekonnt die Neugier des Publikums. Die Inszenierung wirkt elegant und entwickelt eine traumwandlerische Poesie, während das von Sabine Timoteo und Vinicio Marchioni gespielte Duo durch die Gegend fährt, um Ruhe und Trost zu finden.




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