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Kritik: Euforia (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Valeria Golino hat es als Schauspielerin bis nach Hollywood geschafft ("Rain Man", "Hot Shots!", "Flucht aus L.A."). Nun legt die gebürtige Italienerin ihre zweite lange Regiearbeit vor. Fünf Jahre nach "Miele" (2013) über eine junge Frau, die Todkranken beim Sterben hilft, erzählt Golino in "Euforia" von zwei ungleichen Brüdern, die den Tod, jeder auf seine Weise, aus ihrem Leben verdrängen.

Für ihren jüngsten Film ließ sich Golino "von den Ereignissen im Leben enger Freunde" inspirieren. Gemeinsam mit den Drehbuchautorinnen Francesca Marciano, Valia Santella und unter Mithilfe von Walter Siti hat sie ein nachdenkliches, tragikomisches Familiendrama geschrieben. Auf dem Weg, dem Unausweichlichen auszuweichen, ergeben sich urkomische Parallelen und Kontraste wie dieser: Während der eine Bruder sich einer Chemotherapie unterzieht, legt sich der andere für eine Schönheits-OP unters Messer. Der eine ringt mit dem Tod, der andere will ewig jung bleiben.

Das Drehbuchteam legt die zwei Hauptfiguren als typisches Gegensatzpaar an. Der von Riccardo Scamarcio charmant und verschmitzt gespielte Matteo lebt verschwenderisch, sein Bruder bescheiden. Während der ältere, von Valerio Mastandrea verkörperte Ettore in dieser Beziehung den Erwachsenen gibt, stets grübelnd und griesgrämig, ist Matteo nie erwachsen geworden. Wie ein Kind nimmt er sich alles, worauf er Lust hat, und konsumiert grenzenlos, bis der Notarzt kommt. Statt an zu viel Süßem verdirbt er sich an zu vielen Drogen Magen und Gesundheit.

Wie die Holzbläser auf der Tonspur tänzelt auch Matteo durch einen angenehm warmen römischen Herbst. Doch all das kindlich Verspielte, seine Neugier und Lebenslust sind nur Fassade. All der Luxus ist nur Ersatz für eine längst verlorene Lebensfreude, die er zuletzt in der Kindheit mit seinem Bruder verspürt hat, und bei einem kleinen Tänzchen im Krankenhaus wieder aufleben lässt. Ein ruhiges Drama über einen Narzissten, der durch das Schicksal seines Bruders zur Ruhe kommt. Und ein Film über die Kunst zu leben und über das Sterben, in dem selbst eine Untersuchung beim Arzt wie ein Kunstwerk aussieht.

Fazit: In ihrem zweiten abendfüllenden Spielfilm als Regisseurin erzählt Schauspielerin Valeria Golino erneut vom Umgang mit dem Tod und dabei viel über das Leben. "Euforia" ist ein ruhiges, tragikomisches Familiendrama, das einen zwar nicht euphorisch, aber zufrieden stimmt.




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