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FBW-Bewertung: Tenet (2019)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Tenet? auf deutsch ?Grundsatz? ? heißt der lang erwartete neue Film des Regie-Mavericks Christopher Nolan, der seit seinem ersten Film The Following eine zwei Jahrzehnte währende eindrucksvolle Karriere absolviert hat. In Tenet verbindet er sein autorenspezifisches Lieblingsthema, die Philosophie der Zeit, mit Erzählmustern des Spionagethrillers im Stil der James Bond- und Jason Bourne-Reihen.
Der Film beginnt mit einem Massaker: Ein ukrainisches Opernhaus wird brutal von Terroristenüberfallen. Doch bald wird deutlich, dass es sich um eine Inszenierung handelt, eine Cover-Up-Action, in der amerikanische Agenten einen mysteriösen Gegenstand erjagen. Doch es bleiben zahlreiche offene Fragen. Der verantwortliche namenlose Agent (John David Washington) wird gefoltert, nimmt eineGiftkapsel ? und erwacht wieder. Von nun an gilt er offiziell als tot. Ein neuer Auftrag wartet auf ihn, der nichts weniger als die Welt retten soll.
Mit seinem elften Spielfilm knüpft der britische Genre-Auteur Christopher Nolan zugleich an das performative Actionkonzept seines kommerziellen Hits Inception an und führt seine visionäre filmische Zeitphilosophie konsequent weiter: Mit nur einem einzigen Wort ? Tenet ? ausgestattet, muss sich der Protagonist auf die Suche nach der Quelle von ?invertierter Munition? machen ? Objekten, die in der Zeit rückwärts codiert sind. Auf seiner Mission, die sich jenseits der realen Zeit zu entfalten scheint, wird er in die zwielichtige Welt der internationalen Spionage und des Waffenhandels hineingezogen.
Das Geschehen entfesselt eine Theorie verschiedener Zeitebenen, in denen sich Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit begegnen können (wie in InterStellar), doch nie hat man das auf vergleichbare Weise gesehen: In aufwändigen Actionszenen, die zugleich vorwärts und rückwärts ablaufen, in denen Explosionen sich zusammenziehen, um direkt danach wieder zu erblühen, während sich zwei unterschiedlich gerichtete Teams durchdie Zeit arbeiten.
In seinem virtuos inszenierten futuristischen Spionagethriller hebt Nolan also das Spiel mit Variationen der Zeit als filmische Reflexionsbasis einen zeitgemäßen neuen Level. Die Regeln der involvierten Genres (Spionagethriller und Science Fiction) werden dabei neu auslotet. Das Resultat ist performatives Kino, das sich momentan ereignet, aber auch mehrfach unterschiedlich wiedergesehen werden kann. Tenet bleibt eine komplexe Herausforderung an das geneigte Publikum, kann aber auch einfach als Spektakel genossen werden.
Inhaltlich werden Umweltzerstörung und Klimawandel, menschliche Hybris und wissenschaftliche Fähigkeiten gleichermaßen verhandelt. Nolan steht dazu ein Ensemble hervorragender SchauspielerInnen zur Seite ? neben Washington sind das Robert Pattinson, Kenneth Branagh, Michael Caine, Dimple Kapadia und Elisabeth Debicki. DieVisualisation mehrerer Zeitebenen im Bild ist ästhetisch virtuos und technisch innovativ gelöst und lässt die angestrebte Mehrfachcodierung des Films als Actionfeuerwerk, Spannungskino und philosophischer Essay nachdrücklich gelingen. Ludwig Göranssons basslastig hämmernde und ekstatische Musik vertieft die Suggestivkraft der Bild nachhaltig und verleiht der Inszenierung etwas Zwingendes, das man lange nicht mehr auf diesem Hollywoodlevel erleben durfte.
Christopher Nolans Tenet zeigt einen Regisseur auf der souveränen Höhe seines Schaffens und bietet ein ebenso komplexes wie intensives Filmerlebnis für ein großes Publikum. Die Jury verleiht daher das Prädikat ?besonders wertvoll?.



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