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Spuren - Die Opfer des NSU
Spuren - Die Opfer des NSU
© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Spuren - Die Opfer des NSU (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Viel ist geredet worden über die NSU-Morde, nach denen die Polizei jahrelang in falscher Richtung ermittelte. Wie konnte es dazu kommen, dass man die Täter im Bereich einer orientalischen Mafia vermutete, nur weil acht der zehn Mordopfer Deutschtürken waren? Warum wurde nicht an ein rechtsterroristisches Motiv gedacht? Auch nach dem Ende des NSU-Prozesses 2018 sind diese Fragen offengeblieben. Die Hinterbliebenen der Opfer tragen die Bürde ihrer Trauer, der Erfahrung eines mörderischen Rassismus und stigmatisierender Ermittlungen. Die deutschtürkische Dokumentarfilmerin Aysun Bademsoy lässt die Angehörigen erzählen, die bereit waren, sich ihr im Gespräch – mal auf Deutsch, mal auf Türkisch – anzuvertrauen.

Der Film beginnt mit Ali Toy und seinem Blumenstand an einer Straße bei Nürnberg. Toy hätte hier auch am 9. September 2000 gestanden, wäre er damals nicht in Urlaub gefahren. Die mörderischen Kugeln trafen an jenem Tag seinen Chef Enver Şimşek. Der Neffe des Ermordeten, so erzählt es Toy, übernahm den Blumenhandel und entfernte den Namensschriftzug vom Lieferwagen, aus Angst, er könne weitere rassistische Täter anlocken. Şimşeks Witwe Adile und seine Tochter Semiya sind in die Türkei zurückgekehrt. Die Witwe erzählt, wie sie in Deutschland beim Verhör Bilder einer angeblichen Geliebten ihres Mannes gezeigt bekam. Gamze, die Tochter des 2006 in Dortmund ermordeten Mehmet Kubaşik, traute sich ein Jahr lang nicht mehr aus dem Haus, weil spekuliert wurde, ihr Vater sei ein Drogenhändler gewesen. Osman Taşköprü, der Bruder des in Hamburg-Altona 2001 ermordeten Süleyman Taşköprü, erzählt von bewegten Jugendjahren mit seinem Bruder im Kiez.

Der Film bietet den Trauernden nicht nur ein Ventil für Wut und Schmerz. Die Menschen, die mit Aysun Bademsoy sprechen, öffnen sich weit genug um zu zeigen, wie sie mit dem Verlust umgehen, was ihnen Trost gibt. Dabei entstehen bewegende Momente, die eine heilsame Kraft verströmen, etwa wenn Ali Toy die Obstbäume zeigt, die er im Gedenken an seinen Chef am Tatort gepflanzt hat.

Der gemeinsame kulturelle Hintergrund der Filmemacherin und der Protagonisten schafft eine gute Basis für die schwierigen Gespräche. Dass diese schwer geprüften Menschen ihren Schutzpanzer des Schweigens ablegen können, ist ein wichtiger Schritt zur Selbstermächtigung. Der Film erfüllt im Grunde eine gesellschaftliche Aufgabe, indem er ihnen öffentliche Anteilnahme signalisiert und ermöglicht.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Aysun Bademsoy gibt Angehörigen von Mordopfern der Terrorgruppe NSU eine Stimme. Ein Arbeitskollege, die Witwe und die Tochter Enver Şimşeks, der Bruder von Süleyman Taşköprü, die Witwe und die Tochter von Mehmet Kubaşik erzählen von ihrem Verlust und den Wunden, die die anfänglich gegen die türkischstämmigen Opfer und ihre Familien gerichteten Ermittlungen schlugen. Aufrichtig, bewegend und sehr differenziert kommen die Erschütterungen zur Sprache, die auch ihr Zugehörigkeitsgefühl zur deutschen Gesellschaft betreffen.




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