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Kritik: The Royal Train (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

In der rumänischen Königsfamilie gibt es für alles ein Protokoll. An den Bahnhöfen, die Prinzessin Margarita und ihr Ehemann Radu mit ihrem Zug ansteuern, läuft es immer gleich ab. Das Monarchenpaar steht zur Nationalhymne stramm, dreht eine Runde in der Bahnhofshalle, schüttelt Hände, posiert für Fotos und verteilt beim Abschied winkend Bücher über ihre Familiengeschichte unters Volk. Royale Routine, so durchgetaktet, dass sie absurd anmutet.

Regisseur Johannes Holzhausen kommt vom Direct Cinema. In dieser rein beobachtenden Form des Dokumentarfilms, die auf Kommentare, Interviews und Musik verzichtet, steckt wider Erwarten häufig viel Humor. Schon in seinem Vorgängerfilm "Das große Museum" (2014) über die Betriebsabläufe im Kunsthistorischen Museum Wien reizten viele schlichte Gegenüberstellungen zum Schmunzeln. In "The Royal Train" legt der kommentarlose Blick die Betriebsabläufe eines ganzen Landes, aber auch die Wunden der Geschichte offen.

Das Rumänien, das sich Holzhausen entlang der Bahngleise bietet, ist gut organisiert und gleichsam liebenswert chaotisch. So sehr im Vorfeld selbst die exakte Anzahl der Schritte der Monarchen schriftlich festgehalten wird, läuft bei deren Ankunft garantiert irgendetwas nicht nach Plan. Rote Teppiche werden eilig festgezurrt, die Trachtengruppe hat beim Frisieren in letzter Minute die Ruhe weg, und eine in alten Rüstungen steckende Garde kreuzt schon mal unangekündigt auf, um seine Aufwartung zu machen.

Neben Margarita und Radu folgt Joerg Burgers unaufdringliche Kamera Adrian Buga, der sich in Archiven und Privatsammlungen auf Schatzsuche nach royalen Memorabilien begibt. In seiner Freizeit geht er gegen die Sozialdemokratische Partei auf die Straße und versinnbildlicht die Zerrissenheit seines Landes. Von der Demokratie und den "Epigonen der Postkommunisten", wie es Buga formuliert, desillusioniert, sehnen sich viele nach einer vermeintlich besseren Zeit unter der Königsfamilie zurück. Dabei reicht deren Regentschaft historisch nicht weiter zurück als die zu ihrer Begrüßung getragenen Trachten, über die sich Margarita und Radu in einem Nebensatz lustig machen.

Den Zugang zu den rumänischen Royals erhielt Holzhausen über seine Eltern. Seine Mutter ist eine Cousine des 2017 verstorbenen Königs Mihai I. Mit ihm, so scheint es in den letzten Einstellungen dieses Films, stirbt auch Margaritas politischer Anspruch. Was uns Holzhausen in den eineinhalb Stunden davor präsentiert, ist mal ernstes, mal albernes Polittheater. Wiederholt glücken im dabei starke, symbolträchtige Bilder – etwa, wenn alte Lenin-Büsten eingeschmolzen und zu einer Büste von König Ferdinand I. umgegossen werden. Die Geschichte recycelt sich selbst. Und am Ende entlarvt sich das pompöse Zeremoniell als hohle Inszenierung.

Fazit: In "The Royal Train" blickt Johannes Holzhausen auf die Bemühungen einer Königstochter, ihre Familienansprüche zu restituieren. Ein unaufgeregter, präzise in Szene gesetzter Dokumentarfilm, der grandios zwischen ernsten und albernen Momenten schwankt.




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