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Kritik: Plötzlich Heimweh (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

In diesem Dokumentarfilm erzählt eine chinesische Migrantin über ihre Sehnsucht nach Heimat. 2005 verließ die Fernsehjournalistin Yu Hao Peking, um in der Schweiz zu leben, wo sie als Dokumentarfilmerin und Kuratorin arbeitet. Wie so viele Zeitgenossen war sie ein von Veränderung geprägtes Großstadtleben gewöhnt, fühlte sich aber magisch von der Bodenständigkeit und dem Traditionsbewusstsein der Appenzeller Landbevölkerung angezogen.

Yu Haos lange, immer wieder auch schmerzliche Auseinandersetzung mit dem Bedürfnis, Wurzeln zu schlagen, lässt ihren Dokumentarfilm einerseits sehr persönlich werden. Andererseits ist die Frage nach dem Stellenwert der Heimat in der globalisierten Welt aus Sicht vieler Menschen hochaktuell. In ihrem auf Deutsch gesprochenen Voice-Over-Kommentar lässt die Filmemacherin das Publikum sehr offen an ihren Gefühlen und Gedanken teilhaben. Besonders beeindruckend wirkt der Kontrast zwischen den Aufnahmen von früher, in denen sie als TV-Reporterin vor der Kamera agiert und immer auf Achse zu sein scheint, und der Rolle einer staunenden, nachdenklichen Beobachterin, die sie in der Schweiz für sich wählt.

Gegensätze bestimmen auch die Gegenüberstellung von Motiven in der Schweiz und China. So blickt Yu Hao einmal während eines Besuchs in China mit zwei Freundinnen auf die nächtlich beleuchteten Hochhäuser. In der Schweiz hingegen filmt sie gerne Wolken und Nebelschwaden, die über friedliche Almwiesen ziehen, genießt "die Gerüche, die Farben, die Geräusche".

Die Begegnungen mit Einheimischen lösen bei Yu Hao zwiespältige Gefühle aus. Sie staunt nicht nur, wie der Maler Johann Hautle seinen gleichförmigen Alltag lebt, sondern auch, dass der 13-jährige Chläus, der auf einer Alm allein die Kühe versorgt, schon genau weiß, dass er einmal Bauer werden will.

In ihren Erzählungen aus China mischen sich Motive der Entwurzelung, das Leid, das die Kulturrevolution in der Elterngeneration verursachte, die eigene Erinnerung an eine Schulzeit als Außenseiterin. Von dieser erzählt die einleitende Scherenschnittanimation märchenhaft, um auf die introspektive Haltung der Filmemacherin hinzuweisen. Yu Hao demonstriert mit diesem Film aber auch den schweizerischen Dorfbewohnern, dass ein spannender Austausch stattfinden, eine Brücke zur Außenwelt geschlagen werden kann, wenn sie einen fremden Menschen in ihrem geordneten Kosmos willkommen heißen.

Fazit: Die Journalistin und Dokumentarfilmerin Yu Hao kehrte China vor 15 Jahren den Rücken, um in der Schweiz zu leben. In diesem Film erzählt sie, wie ihr die bodenständige, naturverbundene Lebensweise der Appenzeller Landbevölkerung ein Heimatgefühl vermittelt hat. Die offene Auseinandersetzung der Migrantin mit ihren oft widersprüchlichen Eindrücken schenkt dem Film emotionale Tiefe. Yu Hao gelingt es überzeugend, am persönlichen Beispiel das hoch aktuelle Spannungsverhältnis zwischen globaler Mobilität und den Wertbegriffen Heimat und Wahlheimat zu erforschen.




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