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oder

Kritik: Sunburned (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein romantischer, unschuldiger Zauber liegt über dieser Coming-of-Age-Geschichte, in der ein Mädchen in den Sommerferien ihren Abschied von der Kindheit nimmt. Die schwedische, in Berlin lebende Regisseurin und Drehbuchautorin Carolina Hellsgård erzählt feinfühlig und realitätsnah vom allmählichen sexuellen Erwachen der 13-jährigen Claire und ihrem Gefühl, im Hotelurlaub in Andalusien zwischen allen Stühlen zu sitzen. So sprunghaft wie die einsame, oft sich selbst überlassene Jugendliche ihren Einfällen und Launen folgt, wechselt auch die Atmosphäre des Dramas zwischen kühlem Realismus und zärtlicher Poesie. Der realistische Ansatz geht hier so weit, in Claires Ferienabenteuer einen geflüchteten Jungen aus Afrika einzubeziehen, der sich als Strandverkäufer durchzuschlagen versucht.

Teenager kennen das Gefühl, in einer unbekannten Welt gelandet zu sein. Claire erlebt es nicht nur in der Hotelanlage. Sie begegnet auch der ihr gänzlich fremden Welt von Amram, der verzweifelt Geld verdienen will. Claire sieht, dass Amram eine drastische soziale Schranke von den Vergnügungen der Hotelgäste trennt. Aber die beiden Außenseiter entdecken, während sie sich anfreunden, auch starke Gemeinsamkeiten: Sie vermissen beide ihren Vater, sie erkunden gerne die Gegend mit ihrer kargen, imposanten Landschaft, sie sehnen sich nach Nähe und neuen Erfahrungen.

Claire pendelt immer zwischen zwei Welten, ist mal verspieltes Kind, mal Discomaus mit anderen Teenagern im Resort. Dann will sie wieder mit Amram zusammen sein. Claires oft wortloses, spähendes Erproben neuer Wege wird von Zita Gaier gut gespielt und zudem von der Kamera aufregend eingefangen.

Oft trennt eine Glasfront, ein Vorhang Claire von der Kamera oder vom Geschehen, oder ihr Gesicht ist dem Spiel mit Licht und Farben ausgeliefert. Die Farbe Himmelblau signalisiert abwechselnd etwas Kindliches, Unnatürliches, Überirdisches. In den Zimmern herrscht ein bläuliches Licht, vor dem weißen Hotel mit den wabenartigen Balkonen ruht das Meer, Claire trägt ein hellblaues Bikini-Oberteil. Hellsgård trifft in diesem Drama den richtigen Ton, wenn sie sich in die Perspektive einer Jugendlichen hineinversetzt.

Fazit: Dieses Coming-of-Age-Drama über ein pubertierendes Mädchen, das mit dem Strandurlaub in Andalusien fremdelt, besticht mit seiner gelungenen Mischung aus Realismus und atmosphärischem Zauber. Ihr Gefühl, Außenseiterin zu sein, lässt die junge, von Zita Gaier beeindruckend gespielte Deutsche die Nähe zu einem jugendlichen Strandverkäufer aus Afrika suchen. Die von unschuldiger Romantik begleitete Freundschaft führt beide an die soziale Barriere, die zwischen ihnen liegt, heran. Die Regisseurin Carolina Hellsgård inszeniert die Neugier der Hauptfigur auf die Welt und ihre Selbsterforschung als spannenden Balanceakt jenseits großer Worte.




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