VG-Wort

oder
Stress
Stress
© Antiheld filmverleih

Kritik: Stress (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der deutsche Filmemacher Florian Baron hat in Pittsburgh, einer amerikanischen Stadt mit starker militärischer Tradition, mit jungen Kriegsveteranen gesprochen. Seit der Rückkehr aus dem Einsatz in Afghanistan oder Irak kämpfen sie noch jahrelang weiter, aber der Feind befindet sich nun im eigenen Kopf. In diesem aufwühlenden Dokumentarfilm erzählen mehrere junge Männer und eine Frau von ihren großen Schwierigkeiten, im zivilen Alltagsleben zu funktionieren. Sie berichten von Panikattacken und den vielen anderen Qualen einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Die Personen, die hier zu Wort kommen, sind zum Teil schon mit 18 Jahren zur Armee gegangen. Das Ansehen des Militärs, der Wunsch, Geld zu verdienen, werden als Motive genannt. Dann folgen Berichte über ihren Einsatz im arabischen Raum, wie sie Bomben am Straßenrand suchten, wie sie von Explosionen überrascht wurden, die andere Soldaten in den Tod rissen. Die Gesichter der Erzählenden erscheinen erst später im Film und ihre Schilderungen kommen stets aus dem Off.

Diese filmische Gestaltung unterstreicht den Graben, den die Sprechenden zwischen sich und der heimatlichen Umgebung spüren. Zugleich bietet sie ihnen einen Schutzraum, aus dem heraus sie fragend zurück und in die Gegenwart blicken. Zu sehen sind oft Stadtimpressionen, fließend geschnitten fährt die Kamera an Vorgärten vorbei, in denen Familien die Freizeit genießen. Die Straßen mit dem geflickten Asphalt rücken ins Bild, auf den anonyme Passanten, manchmal in Zeitlupe, unterwegs sind.

Es kommt auch ein Veteran zu Wort, mit dem Baron 2014 ein Interview aufnahm. Der Mann setzte seinem Leben vor Beginn der Dreharbeiten ein Ende. Er litt darunter, wie seine Worte bezeugen, dass er für seine Mitmenschen nichts mehr empfand. Ein anderer Mann sagt, ihn halte nur sein kleiner Sohn am Leben. Schon ein Einkauf im Supermarkt ist für ihn eine Qual, er betritt ihn nie ohne Fluchtplan im Kopf. Die Kamera folgt ihm dabei durch den Laden. Auch sonst heftet sie sich oft an den Rücken der jeweiligen Erzähler, die draußen herumgehen, joggen.

Ein Veteran versucht, sich mit Meditation zu entspannen, ein anderer setzt sich aufs Motorrad, wenn ihm daheim alles zu viel wird. Man begreift, spürt sogar, wie viel Kraft und Selbstdisziplin es diesen Menschen Tag für Tag abverlangt, die innere Not in den Griff zu bekommen.

Fazit: Der deutsche Dokumentarfilm von Florian Baron stellt junge amerikanische Kriegsveteranen aus Pittsburgh vor, die große Schwierigkeiten haben, im Alltagsleben wieder Fuß zu fassen. Geplagt von schrecklichen Erlebnissen in den Kampfgebieten im Mittleren Osten, fühlen sie sich unter Menschen oft nicht mehr sicher. Die aufwühlenden Schilderungen bekommen einen Echoraum durch die Bilddramaturgie, die sich traumwandlerisch in Straßenszenen vertieft, während die Protagonisten aus dem Off erzählen. Die Aufspaltung von Bild- und Tonebene spiegelt die seelische Ausnahmesituation, in der sich die Veteranen befinden, eindrücklich.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.