VG-Wort

oder
Helmut Newton - The Bad and the Beautiful
Helmut Newton - The Bad and the Beautiful
© Filmwelt

Kritik: Helmut Newton - The Bad and the Beautiful (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilm von Gero von Boehm porträtiert den legendären, 2004 verstorbenen Fotografen Helmut Newton, dessen Aufnahmen nackter Frauen jahrzehntelang für Furore sorgten und die Gemüter erhitzten. Am 31. Oktober 2020 wäre der gebürtige Berliner 100 Jahre alt geworden, aber in diesem Film erstrahlt sein Werk in einer Frische, die zugleich an die große, wilde Zeit der 1960er und 1970er Jahre erinnert. Außer dem Künstler selbst, der in ausführlichen Interviews von früher zu sehen ist, kommen nur Frauen zu Wort.

Charlotte Rampling, Isabella Rossellini, Grace Jones, Hanna Schygulla, Nadja Auermann und andere erzählen die aufregende Hintergrundgeschichte von Fotografien, die elegant, erotisch und sehr provokant waren. Zugleich liefern sie als die ehemaligen Fotoobjekte ihre meist ausgesprochen positive Interpretation der oft als sexistisch kritisierten Werke. Charlotte Rampling ist voll der Bewunderung, wenn sie erzählt, wie Newton ihr mit einem einzigen Foto als junger Frau ein öffentliches Image schuf. In den Statements kommen interessante Aspekte, wie die provokante Macht, die die halb oder ganz entblößten Frauen auf den Fotos ausstrahlen, zur Sprache. Newton sagt, Männer hätten solche Bilder oft als einschüchternd empfunden.

Der Film arbeitet sehr schön das Spannungsfeld seiner Inszenierungen heraus, die mit dem Gegensatz von Lust und Gefahr spielen. Sogar eine stilistische Anspielung auf den verherrlichenden Körperkult der Nazis wird darin erkannt, etwa von Isabella Rossellini. Das wirkt nicht ganz aus der Luft gegriffen, wenn Newton von den dramatischen Eindrücken seiner Berliner Jugendjahre erzählt.

Im Kontext der offenen, beseelten Erzählungen Newtons und seiner ehemaligen Models entfalten die Fotografien ihre elektrisierende Aussagekraft auf das Schönste. Es ist kaum möglich, sich ihrer Erotik, ihrer wilden Sinnlichkeit zu entziehen. Zugleich spielen sie witzig mit den Konventionen und der befreienden Kraft der Fantasie.

Newton scheute auch nicht davor zurück, sich in späteren Jahren abwechselnd mit seiner Frau im privaten Umfeld vor die Kamera zu stellen und diese Aufnahmen eines Lebensgefühls zu veröffentlichen, ob er nun vorteilhaft aussah oder nicht. Man verlässt den Film beschwingt, angeregt, im Gefühl des jungen Draufgängertums, das auch der leitmotivisch verwendete Song "Make Me Smile" von Steve Harley & Cockney Rebel so kongenial ausdrückt.

Fazit: Gero von Boehm gelingt es in diesem Dokumentarfilm, den künstlerisch-rebellischen Starfotografen Helmut Newton und sein Werk mitreißend zu würdigen. Wenn Frauen wie Grace Jones, Charlotte Rampling, Nadja Auermann erzählen, wie sie für Newton Modell standen, erhalten ikonische Mode- und Aktfotografien vergangener Jahrzehnte ihre aufregende Hintergrundgeschichte. Auch der 2004 verstorbene Meister selbst kommt in Archivaufnahmen ausführlich zu Wort. Seine oft umstrittenen, aufreizend erotischen Inszenierungen entfalten in dieser spannenden Werkschau eine ungebrochene Faszination.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.