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Der Krieg in mir (2019)

Familiäre Traumatherapie: deutscher Dokumentarfilm über die Auswirkungen, die der Zweite Weltkrieg auf Nachfolgegenerationen haben kann.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4.5 / 5

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Sebastian Heinzel träumt seit vielen Jahren nachts vom Krieg. In diesen Albträumen kämpft er als Soldat in Russland. Dabei hat Heinzel selbst nie einen Krieg oder vergleichbare Erfahrungen durchlitten und lebt mit seiner Familie in einem idyllischen Dorf im Schwarzwald. Haben seine Träume etwas mit den Erfahrungen seines verstorbenen Großvaters an der Ostfront zu tun, über die in der Familie geschwiegen wurde? Und lassen sich Traumata von Generation zu Generation vererben?

Um diesen Fragen nachzugehen, reist Heinzel erst allein, später mit seinem Vater nach Weißrussland und besucht die Orte, in denen sein Großvater im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat. Er trifft Überlebende und Menschen, die mit Reinszenierungen von Kriegsschlachten ihr Geld verdienen. Er interviewt Wissenschaftler zu den neuesten Erkenntnissen der Epigenetik und Traumatherapie. Am Ende spielt er selbst in einer nachgestellten Schlacht mit.

Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse3 / 5

Sebastian Heinzel, Jahrgang 1979, plagt ein verbreitetes Phänomen seiner Generation. Wie viele Enkel von Kriegsteilnehmern träumt auch er nachts vom Krieg. Ebenfalls typisch: Heinzels Großväter starben früh und sprachen nur wenig über ihre im Krieg erlittenen Traumata; gegenüber ihren eigenen Kindern schwiegen sie meist ganz. Aus dieser Ausgangslage hat der Dokumentarfilmer eine sehr persönliche Reise gemacht, die vielen Menschen seiner Generation als Beispiel dienen könnte.

Heinzels Spurensuche steht im Zentrum. Neben seinem Großvater Hans, der an der Ostfront kämpfte, ist der Filmemacher selbst omnipräsent. Er ist in vielen Einstellungen zu sehen, führt seine Interviews im und kommentiert aus dem Off. Diese radikale Subjektivität, das permanente Befragen und Hinterfragen des eigenen Selbst hat etwas Befreiendes, verstellt aber auch den Blick.

Oft wirkt es so, als sei der Regisseur mehr auf Absolution und Aussöhnung mit Weltkriegsopfern denn auf eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seines Großvaters aus. Die Ergebnisse der Epigenetik nimmt er ebenso unhinterfragt hin wie die Aussagen zweier Traumatherapeuten, die sich des Eindrucks, aus Eigennutz zu handeln, nie ganz erwehren können. Hier scheint Heinzel mehr nach willkommenen statt nach unbequemen Antworten zu suchen.

Trotzdem ist sein Film inspirierend. Denn Heinzel stellt sich einer Vergangenheit, die (zu) vielen in seiner Generation und in den Nachfolgegenerationen längst zu einer lästigen Pflicht geworden ist. Durch seine unverkrampfte Herangehensweise macht Heinzel Mut und Lust, selbst einmal im eigenen Familienarchiv zu kramen und sich mit der NS-Zeit nicht nur auf einer übergeordneten, sondern auf einer ganz privaten Ebene kritisch auseinanderzusetzen.

Fazit: Der Dokumentarfilmer Sebastian Heinzel begibt sich auf eine sehr persönliche, sehr subjektive und unverkrampfte Reise in die eigene Familiengeschichte. Dabei bohrt er zwar nicht immer entschieden genug nach. Sein Film könnte aber vielen Menschen seiner Generation als positives Beispiel für den Umgang mit der NS-Vergangenheit der Großelterngeneration dienen.




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Land: Deutschland, Schweiz
Jahr: 2019
Genre: Dokumentation
Länge: 86 Minuten
FSK: 6
Kinostart: 05.03.2020
Regie: Sebastian Heinzel
Verleih: Filmdisposition Wessel

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