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Siberia
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© 24 Bilder © Port au Prince Pictures GmbH

Kritik: Siberia (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Held dieses Dramas von Regisseur Abel Ferrara ("Tommaso und der Tanz der Geister") ist in einem Alter jenseits der Midlife Crisis angekommen. Er fragt sich vermehrt, wo das echte Leben zu finden ist und versucht, einen Bogen von der Kindheit bis zum heutigen Tag zu spannen. Von Anfang an liegt etwas Gestriges über den Bildern. Auch diese merkwürdige Hütte im verschneiten Norden, in die sich Clint zurückgezogen hat, könnte eine Fantasie sein. Clint wird zum staunenden Betrachter seines eigenen Unbewussten, wie ein Reisender, der einen Blick ins Fegefeuer erhascht und in den Sog entfesselter Gefühle gerät.

Ferrara gibt mit dieser Irrfahrt seines Helden eine pessimistische Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und nach dem, was bleibt. Einmal warnt Clint das sprechende Antlitz seines Bruders – oder vielleicht seines eigenen Gewissens – auf schwankender Wasseroberfläche, dass er hier draußen seine Seele nicht finden werde. Die Worte klingen prophetisch.

Auf der Reise ins Innere erhält Clint die Chance, sich mit sich selbst zu versöhnen. Interessanterweise bedeutet das nicht, dass er zufriedener mit dem sein kann, was er sich erschaffen hat. Außerdem bleibt Clint mit den Worten, die er im Geiste seiner Ex-Frau, seinem Kind sagt, der Egoist, als der er von anderen oft bezeichnet wurde. Ferrara verweigert seinem Helden das ersehnte Licht der Erkenntnis.

Clint begegnet seiner sexuellen Lust, erlebt im Geiste die Wonnen der Liebe noch einmal. Andere Bilder haben mit der Angst des Mannes vor der Frau und der Kastrationsangst zu tun. Während er auf seinem Schlitten steht, der durch die Winterlandschaft gleitet, zieht er an einer Art Konzentrationslager vorbei, einem Ort, an dem Männer ins Feuer getrieben und erschossen werden. Im Unterbewusstsein hinterlassen auch die dunklen Seiten der Menschheitsgeschichte ihre Spuren.

Das Herz des düsteren Dramas ist Willem Dafoe, der den alternden Clint mit einer fiebrigen Sehnsucht, vom Leben ins Staunen versetzt zu werden, spielt. In vielem ähnelt Clints Abrechnung mit sich selbst dem vorigen Film Ferraras, "Tommaso und der Tanz der Geister". Wie dort spielen auch hier wieder Ferraras Frau Cristina Chiriac und seine kleine Tochter mit. Ferrara lässt Dafoe womöglich auch ein zweites Mal als sein filmisches Alter Ego auftreten. Aber diesmal ist die Handlung weniger schlüssig, wirken die Erlebnisse des Helden weniger miteinander verbunden. Wuchtig und aufgeputscht, wie aus dem Lot geraten, ist dieser Trip zu den archaischen Bildern im Gemüt eines um Orientierung ringenden Mannes.

Fazit: Der Regisseur Abel Ferrara schickt seinen Hauptdarsteller Willem Dafoe auf eine düstere Reise in die eigene Seele. Der einsame Held, der sich in die Wildnis zurückgezogen hat, begegnet dem inneren Abbild seiner Eltern, seiner Ex-Frau und diversen ewig mächtigen Ängsten und Trieben. Der pessimistische, traumwandlerische Ausflug in die Innerlichkeit bringt ein Konzert archaischer Szenen hervor, die eine fiebrige Kraft entfalten.




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