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Sibyl
Sibyl
© Alamode Film © Central Film © Wild Bunch

Kritik: Sibyl - Therapie zwecklos (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die französische Regisseurin Justine Triet hat wieder eine Dramödie über eine aktive, moderne Frau gedreht, die ein Problem mit der Liebe hat. Schon in "Victoria – Männer & andere Missgeschicke" aus dem Jahr 2016 spielte Virginie Efira die Hauptrolle, und zwar als eine Anwältin und alleinerziehende Mutter auf der Suche nach einem Partner. Nun ist Efira in der Rolle einer Psychotherapeutin und Schriftstellerin zu sehen, die Familie hat, aber insgeheim einer verflossenen Beziehung nachtrauert, aus der eine Tochter stammt.

Weil ihre neue Klientin gerade eine ähnlich dramatische Krise durchmacht, wie einst sie, missachtet sie alle professionellen Regeln der Zurückhaltung und reist ihr zum Drehort eines Spielfilms nach. Dort macht sie sich unentbehrlich und findet reichlich Stoff für ihren Roman. Die fremden Dramen, die eigene Vergangenheit vermischen sich in ihrem Erleben, und sie gerät ins Schleudern.

Eine Psychotherapeutin, die zu den Anonymen Alkoholikern geht und wiederholt zur Flasche greift, wirkt schon ziemlich schräg. Noch schräger aber wird es, wenn sie am Set eines Filmdrehs zwischen einem Schauspielerpaar und der Regisseurin vermittelt, weil die Drei sich nur noch gekränkt angiften. Justine Triet spöttelt über diese Therapeutin, die mit sich selbst nicht im Reinen ist, zeigt aber auch, dass sie in ihrer Praxis mit einem kleinen Patienten durchaus gut umgehen kann.

Virginie Efira spielt Sibyl in ihrer emotionalen Verwirrung sehr überzeugend und sympathisch. Auch die aus "Blau ist eine warme Farbe" bekannte Adèle Exarchopoulos als Margot und Sandra Hüller als emotional überforderte Regisseurin setzen starke schauspielerische Akzente. So wirkt die Geschichte durchgehend spannend, obwohl sie eine Tendenz zur Überfrachtung aufweist.

Triet scheint eine Schwäche für starke Frauencharaktere zu haben, deren Leben zwischen Beruf, Familie, Leidenschaft im Chaos zu versinken droht. Entsprechend kunterbunt bis wirr geht es in der Handlung zu, wird Sibyl beispielsweise noch eine schrullige Schwester zur Seite gestellt, die für Komik sorgt. Sibyl bleibt ein Stück weit unbegreiflich mit ihrer Gefühlswelt, ihrer Verirrung. Manchmal wirkt das Ganze etwas aufgebauscht, was sicherlich auch an der unbeschwerten Inszenierung liegt, die zu den gezeigten Emotionen eine leicht ironische Haltung entwickelt.

Fazit: Unter der Regie der Französin Justine Triet entwickelt die Komödie über eine Frau, die die Erinnerung an eine nie überwundene Trennung auf berufliche Abwege führt, vergnügliche Spannung. Die Hauptdarstellerin Virginie Efira spielt die titelgebende Psychotherapeutin, die aus egoistischer Neugier ins Leben einer Klientin tritt, mit Charme und schwungvoller Energie. Auch Sandra Hüller und Adèle Exarchopoulos überzeugen als Frauen, die auf ähnlich prekäre Weise zwischen beruflichen Aufgaben und Herzschmerz herumlavieren. Die Komödie zeigt auf, dass auch starke Frauen in Liebesdingen verwundbar sind, verzettelt sich aber selbst im Chaos, das sie genüsslich schildert.




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