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Eine Geschichte von drei Schwestern
Eine Geschichte von drei Schwestern
© Grandfilm

Kritik: Eine Geschichte von drei Schwestern (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Dieses Mal ging es schneller. Während Emin Alpers klaustrophobische Politparabel "Abluka" (2015) trotz zahlreicher Preise, darunter drei bei den Filmfestspielen von Venedig, erst zwei Jahre nach ihrer Weltpremiere den Weg in die deutschen Kinos fand, musste das Publikum auf den Nachfolger nicht ganz so lange warten. Ursprünglich hätte der Wettbewerbsbeitrag der Berlinale 2019 schon Anfang April 2020 starten sollen. Corona-bedingt ist daraus Juni geworden. Das Warten hat sich gelohnt.

Dass "Eine Geschichte von drei Schwestern" überhaupt in die Kinos kommt, ist wie schon bei "Abluka" dem Nürnberger Grandfilm Verleih zu verdanken. Dessen Katalog ist nicht nur ausnahmslos zu empfehlen, auch Alpers jüngstes Drama ist exzellent und eine sichtbare Fortentwicklung seines ohnehin schon beeindruckenden Stils, einer Mischung aus eindeutiger Sozialkritik und mehrdeutiger Lesart. Dafür hat der Regisseur und Drehbuchautor der Stadt den Rücken gekehrt und auf dem Land gedreht. Die Handlung hat er erneut an einem nicht näher bestimmten Ort in einer nicht näher bestimmten Zeit angesiedelt.

Schon "Abluka", der an der Peripherie der im Film nie benannten Millionenmetropole Istanbul spielte, verfuhr so. Das diffuse Bedrohungsszenario ließ sich problemlos auf vergleichbare historische Ereignisse übertragen und gleichzeitig ganz allgemein als überzeitliche Parabel begreifen. Blaugrau, durchnässt, dystopisch. Dem lässt Alper jetzt ein modernes Märchen über soziale und patriarchale Strukturen, über gesellschaftlichen Aufstieg und Emanzipation folgen. Erdfarben, warm und bei aller Tragik utopisch. Misstraute in "Abluka" jeder jedem, sind die Figuren nun, bei aller Abneigung, einander zugeneigt. Die Schwestern teilen am Feuer ihre Erfahrungen, der Vater kramt in seinem Anekdotenschatz. Das Geschichtenerzählen und Zuhören heilt.

Abermals verströmt Alpers Drama einen Zauber des Ungreifbaren. Den besorgen neben den wunderschönen, ans Chiaroscuro alter Meister erinnernden Einstellungen des Kameramanns Emre Erkmen und den melancholischen Violinen der Komponisten Giorgos und Nikos Papaioannou die spielerisch eingestreuten Metaphern und Symbole und deren doppelte Codierung. Wenn Veysel die Glut schürt, dann ist das ebenso im übertragenen Sinn zu verstehen, wie es ganz wörtlich genommen Konsequenzen zeitigt. Und wofür stehen die zwei Banditen, die rund ums Dorf ihr Unwesen treiben, wofür die eingestürzte Mine, die das Bergdorf einst ernährte, wofür die alte Hatice (Basak Kivilcim Ertanoglu), die, wenn keiner hinsieht, Purzelbäume schlägt?

Es ist dieses Rätselhafte, stets an ganz konkrete Sorgen und Nöte rückgekoppelt, das diese "Geschichte von drei Schwestern" über vergleichbare Dramen weit hinaushebt.

Fazit: Emin Alper legt noch eine Schippe drauf. Auf die klaustrophobische Politparabel "Abluka" lässt der Regisseur und Drehbuchautor ein als Märchen verkleidetes Familiendrama folgen. Einfühlsam gespielt und herausragend inszeniert. Bewegend, warm und rätselhaft.




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