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Uferfrauen - Lesbisches L(i)eben in der DDR
Uferfrauen - Lesbisches L(i)eben in der DDR
© dejavu filmverleih

Kritik: Uferfrauen - Lesbisches L(i)eben in der DDR (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Barbara Wallbraun schlägt ihren Dokumentarfilm wie ein Fotoalbum auf. Der Filmtitel ist auf einem Buchdeckel platziert, beim Umblättern der Seiten ergänzen Zeichnungen alte Aufnahmen aus der Vergangenheit der in der Doku vorgestellten Protagonistinnen. Schnell wird klar, dass sich viele der Kindheits- und Jugenderinnerungen nicht in einen glücklichen Familienroman fügen.

Zunächst war da bei fast allen Sprachlosigkeit und Unsichtbarkeit. Homosexualität fand zu jener Zeit (übrigens nicht nur im Osten) in Familie, Schule und Öffentlichkeit schlicht nicht statt. Was den Frauen auf dem Weg zum Erwachsenwerden neben vielem anderen auch fehlte, waren die sprachlichen Mittel, ihre Gefühle und ihre Sexualität zu beschreiben. Das Wort "Lesbe" war den meisten fremd beziehungsweise mutete verboten an. Und als sie es dann kannten, kannten sie keine andere, die wie sie ebenfalls lesbisch war.

Wallbraun begleitet ihre Interviewpartnerinnen durch den Alltag und lässt sie ganz unaufgeregt von aufregenden Zeiten erzählen: erste Erfahrungen mit Frauen, erste Erfahrungen mit Männern, schmerzhafte und mutige Coming-outs, ablehnende, aber auch unterstützende Eltern. Vieles davon, etwa der Versuch, eine Zeit lang ein heterosexuelles Leben zu führen, setzt sich (leider) bis heute in vielen Lebensläufen jüngerer Generationen fort. Umso wichtiger ist das Sichtbarmachen.

Im letzten Teil ihres filmischen Fotoalbums schlägt Wallbraun dann ein Kapitel auf, das nicht allen bekannt sein dürfte. Hier geht es um den Freiheitskampf, um das Streben nach mehr Demokratie und Mitsprache, kurz um die friedliche Revolution in der DDR, in der auch Lesben und Schwule einen wichtigen Part gespielt haben. Wie diese Frauen trotz aller Zumutungen ihre Leben leb(t)en, kann als Vorbild dienen. Es erinnert gleichzeitig daran, wie sehr heutige Generationen vom Kampf vorangegangener profitieren.

Fazit: Barbara Wallbrauns Dokumentarfilm porträtiert sechs Frauen und ihren bewegenden und an vielen Stellen mutigen Weg für ein freies und selbstbestimmtes Leben. Heutigen Generation kann er sowohl als Vorbild als auch als Erinnerung dienen, dass Freiheiten nicht selbstverständlich sind und stets erkämpft, erhalten und ausgeweitet werden müssen.




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