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Das Haus der Guten Geister
Das Haus der Guten Geister
© mindjazz pictures

Kritik: Das Haus der Guten Geister (2019)


Der Dokumentarfilm von Marcus Richardt und Lillian Rosa schaut sich hinter den Kulissen der Stuttgarter Staatsoper um. Wie wird an diesem Haus, das zu den renommiertesten Opern auf der Welt zählt, eine neue Aufführung vorbereitet? Die Dreharbeiten fanden in der letzten Spielsaison des Schweizer Intendanten Jossi Wieler statt, der das Haus 2018 nach sieben Jahren verließ. So ist diese Beobachtung eines Opernbetriebs zugleich auch eine Hommage an Wieler geworden. Aber auch seine ebenfalls scheidenden Mitstreiter*innen, der Chefdramaturg Sergio Morabito, der Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling und die Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock äußern sich zu seiner, ihrer eigenen und der gemeinsamen Arbeit.

Ein Sprachcoach übt mit den Sänger*innen. In einer riesigen Halle werden zum Bühnenbild gehörende Wände ausgelegt und bemalt. Das Bühnenbild als Modell in Puppenhausgröße kann bereits jedes Ensemblemitglied sehen. Cambreling probt mit Instrumentalisten. Er sagt, er halte zu den Orchestermusikern stets eine gewisse Distanz, das mache die Kommunikation leichter. Über Wieler sagen seine Mitarbeiter, er kümmere sich um alles und kommuniziere mit allen Beteiligten auf Augenhöhe. Am hektischen Tag vor der Premiere spricht Wieler von der Freude auf den "Kitzel, das Irisierende" des ersten Vorstellungsabends.

Der Film nimmt sich Zeit, die Proben, den Aufbau des Bühnenbilds, auch die Arbeit mit dem Kinderchor des Hauses und vieles mehr in ausführlichen Szenen zu betrachten. Die Opernaufführung selbst wird in zahlreichen Ausschnitten bis zum Schlussapplaus begleitet. Erst wenn man sieht, wie viele Mitwirkende in dieser Oper tatsächlich auf der Bühne stehen, begreift man so richtig, wie gewaltig die zu stemmende Aufgabe gewesen sein muss.

Wieler erzählt ein wenig über seine Herkunft aus einem bürgerlich-liberalen Elternhaus in der Schweiz und wie er seine Arbeit versteht. Er betont, wie wichtig Freiheit für die Gesellschaft und für den künstlerischen Prozess ist. Offenheit und Zusammenwirken sind in diesem Prozess für ihn zentrale Werte. Die filmischen Beobachtungen lassen tatsächlich des öfteren erkennen, dass sich die verschiedensten Beteiligten engagiert einbringen, nicht weil sie sich unter Druck gesetzt fühlen, sondern weil sie sich mit dem gemeinsamen Projekt identifizieren.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Marcus Richardt und Lillian Rosa beobachtet den Probenbetrieb an der Staatsoper Stuttgart, der ein letztes Mal unter der Führung von Regisseur und Intendant Jossi Wieler stattfindet. Die Kamera fängt mit den vielen Eindrücken von der Arbeit am Bühnenbild, an der Musik, am Schauspiel auch den besonderen Geist des renommierten Hauses ein. Hier legt man Wert auf eine Ensemblekultur, die Wieler mit seinem Kunstverständnis als kommunikativem Prozess auf eigene Weise noch bestärkt und gefördert hat. Nicht nur Opernfreunden, sondern auch sonstigen Kulturinteressierten bietet dieser ausführliche Blick hinter die Kulissen lohnende Entdeckungen.




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