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Curveball - Wir machen die Wahrheit
Curveball - Wir machen die Wahrheit
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Kritik: Curveball - Wir machen die Wahrheit (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Curveball" ist die vierte Regie-Arbeit des Baden-Badener Regisseurs Johannes Naber, der sich in seinem dramatischen Thriller-Komödien-Mix mit einer der brisantesten Agenten-Affären der jüngeren Vergangenheit befasst. Curveball war das Pseudonym von Alwan, jenes deutschen Staatsbürgers irakischer Herkunft, um den es in dem Film geht. Seine Premiere erlebte das Werk auf der Berlinale 2020.

Mit Akkuratesse und einem fein austarierten Sinn für lakonischen Humor und Ironie arbeitet Naber einen schier unglaublichen Vorfall auf. Er schildert die Geschichte eines Mannes, der die internationale und deutsche Politik, deren wichtigsten Behörden und damit auch den Geheimdienst, narrte – in dem er sie glauben ließ, der Irak produziere biochemische Waffen und verfüge über (mobile) Massenvernichtungsanlagen.

Die Folgen dessen sind bekannt: Alwans Äußerungen spielten den politischen Macht- und Entscheidungsträgern, allen voran den amerikanischen, in die Karten. Der damalige US-Außenminister Colin Powell gab Alwans angebliche Beobachtungen aus den Fabriken und Schilderungen vor dem UN-Sicherheitsrat als Beleg für verbotene Waffenprogramme Saddams an. Ein wichtiger Schritt für die Legitimation eines illegalen Krieges. Ganz am Schluss des Films sind jene Originalszenen mit Powell zu sehen. 2011 gab Alwan zu, alles nur erfunden zu haben.

Schon gleich zu Beginn macht Naber mit der Einblendung "Nach einer wahren Begebenheit. Leider" klar: Das Gezeigte entstammt nicht der Phantasie eines Autors, sondern hat sich tatsächlich so zugetragen. Mit dem Wort "leider" in diesem Satz verdeutlicht Naber zudem, dass es ohne Galgenhumor und Lakonie nicht möglich ist diese Geschehnisse zu schildern. Und so verfügt sein mit ambivalenten (Neben-) Figuren garnierter Film bei allem Ernst tatsächlich über reichlich Situationskomik sowie ätzend-beißenden Humor – und über enthemmte Fremdschäm-Momente.

Darunter eine skurrile Schlitten-Verfolgungsjagd im Morgenmantel gegen Ende des Films, bei der man rein visuell und aufgrund der Szenerie an die legendäre Eröffnungssequenz aus "James Bond – Der Spion, der mich liebte" denken muss. Mit dem Unterschied, dass die BND-Geheimdienstler tollpatschiger, unbeholfener agieren als es bei Bond je möglich wäre und damit von Naber radikal zur Lachnummer degradiert werden. Überhaupt der BND: Er erscheint hier als hemmungslos veralteter, verkrusteter Haufen unfähiger Mitarbeiter, die von internen Machtkämpfen getrieben sind und nur den eigenen Vorteil im Blick haben.

Auch darstellerisch überzeugt "Curveball" bis hinein in die Nebenrollen, wobei Hauptdarsteller Sebastian Blomberg letztlich dann doch allen anderen die Show stiehlt als überforderter, widersprüchlich handelnder Protagonist, der zwischen Geheimdienst-Willkür und fragwürdigen politischen Entscheidungen aufgerieben wird.

Fazit: Satirische, bewusst überspitzte und bisweilen radikale Aufarbeitung einer unfassbaren Farce, die entscheidend zum Beginn und Rechtfertigung einer illegalen Invasion diente.




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