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Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra
Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra
© Pandora Film

Kritik: Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Seit Francis Ford Coppola den Mafiafilm 1972 mit "Der Pate" revolutionierte, neigen Filme über das organisierte Verbrechen dazu, die Unterwelt zu glorifizieren. Sie schwelgen in Familienfeiern, dem Nachtleben und gutem Essen, zelebrieren Gewalt und machen dem Publikum attraktive Angebote, die es nicht ablehnen kann. Dem Regisseur und Drehbuchautor Marco Bellocchio liegt all das fern. In seinem neuen Drama erzählt der 1939 geborene Italiener von einem der spektakulärsten Prozesse gegen die Cosa Nostra – von Kameramann Vladan Radovic zwar herrlich fotografiert und von Hauptdarsteller Pierfrancesco Favino kraftvoll gespielt, dabei aber stets sachlich und nüchtern.

Als das Drama in seine Handlung einsteigt, hat sein Protagonist bereits innerlich mit der Mafia abgeschlossen. Der von Favino verkörperte Tommaso Buscetta, auch (Don) Masino genannt, sieht die Werte der Cosa Nostra verraten. Kommt für ihn das Töten von Frauen und Kindern nicht infrage, wovon er in einem winzigen, aber einprägsamen Nebenstrang dem Richter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) erzählt, schreckt der Boss der Corleoneser Mafia davor nicht zurück. Buscettas umfangreiche Aussagen, die er bis zuletzt nicht als Verrat ansieht, haben viel mit der Welt zu tun, in der er sich bewegt. Eine Welt mit einer verqueren Logik, in der sich selbst Mörder wie er als Ehrenmänner begreifen, während sie anderen die Ehre absprechen.

Bellocchio inszeniert seine Hauptfigur als durchaus charmanten, facettenreichen, abgründigen und getriebenen Charakter. Buscetta ist unruhig, unstet und stets auf das Schlimmste gefasst. "Ich habe keine Angst vor dem Tod und doch vor nichts anderem", sagt er an einer Stelle. Aus Angst, nicht wie gewünscht als alter Mann in seinem eigenen Bett, sondern durch die Hand seiner Verfolger zu sterben, hat er immer eine Waffe griffbereit. Von einem strahlenden Helden ist das weit entfernt. Pierfrancesco Favino ist das Pfund, mit dem Bellocchio wuchern kann. Seine einnehmende Darbietung macht diesen Film auch über einige Längen hinweg sehenswert.

Der nüchterne und im Prinzip richtige Ansatz dieses Dramas hat eine große Schwäche. Die eingestreuten Originalausschnitte aus der Presseberichterstattung über den spektakulären Fall mögen ein Gefühl der Authentizität erhöhen. Das stupende Aneinanderreihen all der Morde, die im Namen der Mafia begangen wurden, mag deren Sinnlosigkeit sichtbar machen und sie jedweder Möglichkeit zur Verherrlichung berauben. Mitunter gerät dieser zweieinhalbstündige Film dadurch aber zur zähen Geschichtsstunde.

Fazit: Regisseur und Drehbuchautor Marco Bellocchio hat sich eines der aufsehenerregendsten Prozesse gegen die Mafia und dessen Kronzeuge angenommen. Dank eines fabelhaften Hauptdarstellers bleibt dieses Drama bis zuletzt spannend. In seinem Bemühen, die Unterwelt nicht zu glorifizieren und die historischen Sachverhalte möglichst genau wiederzugeben, gerät dieser Film aber mitunter zu lang und aufzählend.




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