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Kritik: Giraffe (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die deutsch-dänische Co-Produktion "Giraffe" ist der zweite Langfilm der Drehbuchautorin und Regisseurin Anna Sofie Hartmann. Das Werk feierte seine Premiere 2019 auf dem Locarno Film Festival und wurde auf der Viennale mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet. Es ist ein überaus feinfühliges, ruhig erzähltes Werk über Orte und Erinnerungen – darüber, wie etwas einerseits vergänglich und flüchtig ist und andererseits doch ewige Spuren hinterlässt. An einer Stelle liest die Protagonistin Dara dem jüngeren Lucek aus Rebecca Solnits "A Field Guide to Getting Lost" vor – einer Abhandlung über die "Kunst, sich zu verlieren" (so der deutsche Titel). Dieser Kunst widmet sich Hartmann auf elegische, aber durchaus auch lebensnahe Weise.

So findet "Giraffe" eine eindrückliche Balance zwischen dokumentarischer Anmutung und melancholisch-schöner Liebesgeschichte. Hartmann zeigt, was der geplante Bau des Fehmarnbelt-Tunnels mit dem Leben von Menschen auf der dänischen Insel Lolland macht, wie Häuser und Besitztümer zurückgelassen werden (müssen) und wie der Kapitalismus sich durchsetzt. Sie lässt uns jedoch auch spüren, welche Kraft etwa die persönlichen Worte aus einem Tagebuch oder ein inniger Blickwechsel zwischen Verliebten haben können. Es geht um Entfremdung und Entwurzelung – und zugleich um das, was bleibt oder entstehen kann. Das alles wird von Kamerafrau Jenny Lou Ziegel in einfallsreichen Bildkompositionen eingefangen.

Die norwegische Hauptdarstellerin Lisa Loven Kongsli ("Höhere Gewalt") verkörpert ihre Rolle perfekt. Als "wunderschön und seltsam" wird sie von Lucek beschrieben – und der Schauspielerin gelingen stets die richtigen Ausdrücke, um zwischen Empathie und Unnahbarkeit zu changieren. Nicht minder stark ist ihr Leinwandpartner Jakub Gierszał ("Finsterworld") als Lucek. In einem enigmatischen Nebenpart glänzt zudem Maren Eggert ("Ich war zuhause, aber…").

Fazit: Eine einnehmend gefilmte, hervorragend gespielte Reflexion über das Verlieren und Verschwinden – und das, woran wir uns doch stets erinnern werden.




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