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Freie Räume - Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung
Freie Räume - Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: Freie Räume - Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In "Freie Räume" stellt der Mannheimer Filmemacher und Drehbuchautor Tobias Frindt die Anfänge und Wirkkraft der Jugendbewegung von damals der gegenwärtigen "Szene" gegenüber, indem er ausgewählte junge Menschen und aktuelle Aktive zu deren Erfahrungen mit und in den Jugendzentren befragt. Dabei lässt er sie jederzeit frei vor der Kamera gewähren und beobachtet sie in oft ganz gewöhnlichen, alltäglichen Situationen: bei angeregten Diskussionen, beim entspannten Relaxen, Party machen, beim Kochen oder Stapeln von Getränkekisten.

Besonders gut zur Geltung kommen hier das Beiläufige und das "alltägliche Treiben" (man sieht schwerpunktmäßig das Mannheimer JUZ) in den Jugendclubs und Jugendheimen – dass sich die Teenager vor rund fünfzig Jahren allerdings hart erarbeiten und erkämpfen mussten. Zu einer Zeit, als es lediglich die Jugendverbände und die -pflege gab, die sich um die jungen Menschen kümmerten und ihnen Freizeitmöglichkeiten gewährten. Doch man wollte mehr: mehr Freiräume und Selbstverwirklichung, ganz ohne Konsumzwang und durch die Politik vorgegebene, starre Regeln. Von dieser Zeit des Aufbruchs und der Stimmung, vor allem auch im ländlichen, suburbanen Raum, erzählen die Zeitzeugen und früheren Aktivisten, die wahrlich Spannendes zu berichten haben. "Freie Räume" profitiert sehr von diesen lebhaften, informativen Äußerungen und Anekdoten der Befragten.

Sie erklären, wie schwer es war, sich gegen steinzeitliche, konservative Regionalpolitiker durchzusetzen, wie man auf den Straßen protestierte und dabei auch schon mal gegen geltendes Recht verstieß (Gefängnisaufenthalt inklusive). Und sie erläutern die ausgeklügelten Organisationsformen der Jugendclubs. Denn diese waren weit mehr als bloße, unorganisierte Stätten zum Abhängen und Unsinn treiben. Es waren perfekt geplante, durchdachte und von hierarchischen Organisationsstrukturen durchzogene Orte zum (nicht zuletzt politischen) Austausch und der sinnvollen Kulturarbeit. Es gab einen Trägerverein, gewählte Vertreter, Arbeitsgruppen, in den Fachschaften gewählte Delegierte. Nur eben: alles selber verwaltet, ganz ohne die Erwachsenen. Eben "freie Räume".

Darüber hinaus baut Frindt an dramaturgisch sinnvollen Stellen Originalbilder und Archivaufnahmen aus den 70er-Jahren ein. In diesen oft zu sehen: die Interviewten, darunter der Musiker Bernd "Schlauch" Köhler oder die ehemalige Bochumer Jugendzentrumsaktivistin Silke Brockmann. Einen Großteil des historischen Filmmaterials haben die Befragten selber produziert. Und: "Freie Räume" scheut sich nicht, gleichsam die Zeit der Krise, des kurzzeitigen Niedergangs der Jugendclubs und des Abflauens des Booms in den Mitt-70ern anzusprechen. "Die Mission war erfüllt", sagt eine der Befragten. Das Interesse ließ nach, denn das Ziel war erreicht.

Fazit: Ebenso lehrreicher wie spannender Einblick in die Vorgeschichte und Entstehung der ersten großen Jugendbewegung Westdeutschlands, die für mehr Autonomie und Unabhängigkeit an selbst organisierten Orten kämpfte – und ihr Ziel erreichte.




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