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Kritik: Der Geburtstag (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Den ganzen Nachmittag hat Matthias nur wie ein Gast zugeschaut auf der Geburtstagsparty, die seine von ihm getrennte Frau Anna für Sohn Lukas organisiert hat. Vor allem hat er auf den Moment gewartet, an dem er sich davonstehlen kann. Denn seine neue Freundin (Anna Brüggemann) rechnet auch mit ihm, ihr Theaterstück hat Premiere. Matthias ist ganz gut darin, Leute zu versetzen, auch seinen Sohn, den er schon wieder am Wochenende nicht zu sich nehmen will oder kann. Doch dann ist da dieser Junge, der von der Party nicht abgeholt wird und auch gar nicht nach Hause will. Matthias fährt ihn am Abend heim, aber so schnell, wie er dachte, wird er den Jungen nicht los.

Der in Berlin lebende, aus Uruguay stammende Regisseur und Drehbuchautor Carlos A. Morelli legt ein spannendes Drama vor, das auch stilistisch einiges zu bieten hat. In Schwarz-Weiß gefilmt und mit mal gut aufgelegter, mal bluesiger Jazzmusik von Florian Sievers unterlegt, schickt es seine Hauptfigur Matthias auf eine nächtliche Irrfahrt mit Kind. Julius, auf den niemand wartet, ist nicht sein Sohn, aber er gibt Matthias Gelegenheit, seine Rolle als Vater zu überdenken.

Mal angenommen, Sie träfen zu später Stunde auf einem Spielplatz einen Mann, der sich über einen am Boden liegenden Jungen beugt. Was würden Sie denken? Das denkt auch die Polizistin, der Matthias die Lage erklären muss, wobei ein komischer Moment entsteht. Denn als Zuschauer weiß man, dass Matthias nachlässig, aufbrausend und egozentrisch ist, aber kein Kinderschänder. Morelli beschwört oft mit diebischer Freude eine düstere Krimi-Stimmung herauf. Nicht umsonst regnet es über weite Strecken in Strömen, dann geht es durch dunkle Straßen, Matthias folgt einem Schatten… Die Atmosphäre eines Film Noir wird noch verstärkt, wenn Matthias meint, der Mutter des fremden Jungen zu begegnen, wenn sich Stimmen mit Macht in seine Wahrnehmung drängen, eine Überblendung oder eine Überbelichtung die Orientierung erschweren.

Mark Waschke sorgt dafür, dass Matthias trotz seines Versagens als Vater immer noch sympathisch wirkt. Neben der patenten Anna nimmt er sich wie ein verlorener Mensch aus, der auch mütterlicher Fürsorge bedarf. Der lange so mysteriöse Plot bleibt bis zum Schluss reizvoll, auch wenn die moralische Botschaft etwas dick aufgetragen wirkt. Nicht jede Wendung gelingt auf elegante Weise, eher könnte man die Handlung als etwas naiv und symbolhaft konstruiert empfinden. Dennoch behält sie stets eine charmante Leichtigkeit.

Fazit: Dieses Drama von Carlos Morelli stößt einen Vater, der sich nach der Trennung kaum um seinen kleinen Sohn kümmert, in eine aufregende Bewährungsprobe. Ein Junge, den von der Geburtstagsparty seines Sohnes niemand abholt, lässt sich nicht so leicht wieder loswerden. Er rüttelt mit seiner Bedürftigkeit den von Mark Waschke als unstet, aber auch sympathisch gespielten Hauptcharakter auf. Die stilistisch eigenwillige Schwarz-Weiß-Inszenierung mit ihren Noir-Anklängen verstärkt die inhaltliche Spannung reizvoll.




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