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Wagenknecht
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© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Wagenknecht (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Als Motivation für ihren Dokumentarfilm nennt die Regisseurin Sandra Kaudelka ("Einzelkämpfer") ein Interesse an "Menschen in Extremsituationen". Sie liefert keine filmische Biografie über Sahra Wagenknecht, sondern will ihren Arbeitsalltag abbilden. Dafür begleitet sie die damalige Fraktionsvorsitzende der Linken zwischen 2017 und Anfang 2019 mit der Kamera. Wagenknecht geht im Bundestagswahlkampf 2017 bis an die persönliche Belastungsgrenze und hält danach noch ein gutes Jahr den mehr oder weniger verdeckten Anfeindungen aus der Parteispitze stand. Dann muss sie auf ihre Gesundheit Rücksicht nehmen und kündigt ihren Rückzug aus der Fraktionsspitze an.

Das öffentliche Interesse an Sahra Wagenknecht ist groß, ihre kluge, überlegte Art zu reden hat ihr Anerkennung weit über die Wählerschaft der eigenen Partei hinaus gebracht. So enttäuscht Kaudelkas Dokumentarfilm dann doch all jene, die sich ein persönliches Porträt dieser engagierten Politikerin erhofft haben mögen. Man erfährt hier nichts über ihren Werdegang, ihre Prägungen, lediglich einmal sagt sie in einem Kinderinterview, sie habe mit vier Jahren lieber Bücher gelesen, als den Kindergarten zu besuchen. Kaudelka darf sie ebenfalls interviewen, sie auf Schritt und Tritt begleiten, mit ihr im Auto sitzen und einmal zuschauen, wie sie sich in ihrer Wohnung einen Tee kocht, die Haare kämmt.

Sahra Wagenknechts elegante Frisur und Kleidung sitzen stets perfekt. Sie lässt sich auch nie zu einer unüberlegten Äußerung hinreißen. Als sie einmal im Auto ihre Enttäuschung über Parteikollegen kundtut, die im Wahlkampf gerne ihre Unterstützung angenommen hätten und sie nun zum Rücktritt aufforderten, ist das Maximum an emotionaler Offenheit erreicht. Sahra Wagenknecht erscheint praktisch den ganzen Film über erstaunlich gefasst und mit Sachthemen beschäftigt.

Auch das Zerwürfnis Wagenknechts mit dem Parteivorstand wird im Film nicht richtig greifbar. Räumliche Nähe, so lernt man hier, bedeutet beim Filmen nicht automatisch, zu den Gedanken und Gefühlen einer Person vorzudringen. Der Fahrer Dietmar Fischer sagt ein-zweimal seine eigene Meinung, Dietmar Bartsch steuert ein paar Worte bei, der Fraktionspressesprecher Michael Schlick ist oft zugegen. Sahra Wagenknechts Haltung in der Krise beeindruckt, das filmische Konzept in seiner Unklarheit allerdings weniger.

Fazit: Für ein persönliches oder politisches Porträt der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht erscheint der Fokus dieses Dokumentarfilms von Sandra Kaudelka sehr eingeengt. Denn die Filmemacherin begleitet die damalige Fraktionsvorsitzende der Linken im stressigen Bundestagswahlkampf 2017 und im krisenhaften Jahr 2018, das von Richtungskämpfen und dem Zerwürfnis mit dem Parteivorstand geprägt ist. Obwohl die Kamera die Politikerin sogar im Auto begleitet, erhascht sie selten Einblick in ihre Gefühlswelt. Sahra Wagenknechts besonnene und korrekte Haltung auch unter extremem Druck beeindruckt, lässt den Film jedoch an seine Grenzen stoßen.




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