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Kritik: Orphea (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der griechische Mythos vom Dichter Orpheus, der seine Geliebte Eurydike aus der Unterwelt befreien will und mit der Kraft seiner Musik den Höllenhund bezwingt, ist älter als 2.000 Jahre. Der philippinische Regisseur Khavn de la Cruz und der deutsche Filmemacher Alexander Kluge ("Deutschland im Herbst") übertragen die Sage in die Gegenwart und krempeln den klassischen Stoff radikal auf links. Zwar entführen Kluge und de la Cruz in ihrem ebenso modernen wie surrealen, experimentellen Film ebenfalls in die Totenwelt. Doch setzen sie auf allerlei abstruse, sprunghaft und scheinbar zusammenhanglos aneinander-gereihte Impressionen und Bilderwelten, die sich um Erlösung, Tod, Liebe, Musik sowie die Menschheits- und Kulturgeschichte drehen.

Somit bietet "Orphea" ein regelrechtes Sammelsurium an mannigfaltigen Themen, Ideen und Botschaften. Zuschauer mit einer Vorliebe für einfache Handlungen, simple Erzählungen und ruhige Aufnahmen werden ihre Probleme mit diesem immer wieder arg konfus anmutenden Experimentalfilm haben. Denn Kluge und Khavn entscheiden sich für eine zwar detailreiche aber dennoch reizüberflutende audio-visuelle Umsetzung, die einen mit wirren, abgedrehten Einzel-Passagen und kurzen Sequenzen konfrontiert. Da können durchaus Irritationen entstehen, wenn man die Hauptfigur lautstark (und teils sehr schief) singend sowie beim Rezitieren von Gedichten sieht, oder sie wenig später auf ungemein pathetische Art mittels ihrer Musikdarbietung von der Welt der Lebenden "berichtet".

Zwischendurch gibt es nahezu in Sekundenschnelle ablaufende Impressionen und Szenen von ihrem Weg durch das Totenreich, schlecht ausgeleuchtete Bilder aus einem heruntergekommenen Slum in Manila sowie Einblendungen von Stichwörtern und thematischen Begriffen wie "Totenfluß" und "Höllenhund". Dazu gesellen sich billige, an aussortierte Theaterkulissen erinnernde Schauplätze, dekorative Elemente und unästhetische Szenerien.

Inwieweit all dies miteinander in Beziehung steht und zusammenhängt, das muss jeder Zuschauer individuell für sich entscheiden. Festzuhalten ist in jedem Fall: Die Neufassung huldigt dem "Original" und ehrt die moralischen Botschaften und Aussagen der überlebensgroßen antiken Sage. Zudem ist die sich um Kopf und Kragen spielende – und singende – Hauptdarstellerin Lilith Stangenberg ist eine gute Wahl für die Rolle der aufbegehrenden Orphea. Die 31-jährige Berlinerin begeistert mit einer durchweg elektrisierenden, energetischen Performance.

Fazit: Poetische, anspielungsreiche Reflexion mit rätselhafter Aura oder bewusst provozierendes, krawalliges und schrilles Machwerk? "Orphea" bricht mit gängigen Erzählmustern und Bildern und erweist sich als sehr experimentelle, eigenwillige "Orpheus und Eurydike"-Neuinterpretation.




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