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Leif in Concert Vol.2
Leif in Concert Vol.2
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Kritik: Leif in Concert Vol.2 (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Wie das Kino ist auch die Kneipe ein soziales Sammelbecken. Hier sitzen Bauarbeiter und Banker nebeneinander am Tresen und kommen bei einem Bier ins Gespräch. Kein Wunder also, dass das Kino sich so gern in dunklen Spelunken und verrauchten Bars herumtreibt und immer wieder bedeutende Handlungsstränge oder ganze Filme dort spielen lässt. Mal geht es um Existenzielles, häufig nur um existenzialistisch anmutende Thekenphilosophie. In Christian Klandts drittem Kinofilm geht es um beides und um so vieles mehr. Es geht um Freundschaft und Liebe, um Musik, Literatur und Tanz, um Sprache und um gute, mal geniale, mal banale, meist genial-banale Gespräche, kurz: um die kleinen Nebensächlichkeiten des Lebens, die das Leben erst lebenswert machen.

Auch die Handlung ist dabei im Grunde nebensächlich, auch wenn Klandts Drehbuch all die episodisch erzählten Einzelteile am Ende ausgesprochen geschickt zusammenfügt. Was seinen Film so sehenswert macht und alsbald zu einem Kultfilm machen dürfte, sind die sagenhafte Atmosphäre und die unbändige, oftmals absurde Kreativität, die in jeder einzelnen Szene steckt. Das fängt bereits beim Titel an, der durch seinen Zusatz "Vol. 2" auf einen ersten Teil verweist, den es (noch) gar nicht gibt, und setzt sich im Handlungsort fort. Wenn Hauptdarstellerin Luise Heyer auf ihrem Weg zur Arbeit an den Wahrzeichen diverser Städte vorbeiradelt, nimmt der Schnitt vorweg, was kurz darauf auf der Leinwand zu lesen ist: Dieser Film spielt "irgendwo in Deutschland".

Es ist diese Austauschbarkeit, die nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden darf, sondern für eine Allgemeingültigkeit steht, an die das Publikum problemlos andocken kann. Klandts Kellerkneipe fühlt sich schlicht und einfach echt an. Dasselbe gilt fürs Personal und die Stammgäste, für die der Regisseur jede Menge bekannte Bekannte – vom inzwischen verstorbenen Tilo Prückner über Bela B. und Mark Benecke bis zu den Kolleg*innen Tom Lass, David Wnendt und Maryam Zaree – vor der Kamera versammeln konnte. Die illustre Runde ist sich nicht zu schade, sich in herrlich absurden Situationen selbst auf die Schippe zu nehmen.

Das Schöne daran ist, dass dieser Film seine kreativen Einfälle nicht erklärt und sie dadurch nicht ihrer Kreativität beraubt. Warum die von Heyer gespielte Barfrau Lene unzählige Sprachen spricht, bleibt ebenso ein ungelöstes Rätsel wie der wunderbare Einfall, dass die Glocke an der Tür nicht klingelt, wenn der Chef die Kneipe betritt. Gepaart mit tollen musikalischen, slam-poetischen und tänzerischen Einlagen verströmt diese Liebeserklärung an das Kneipenleben eine zigarettenrauchgeschwängerte und bierselige Stimmung aus Heimeligkeit und Kuriosität. Klandt erzählt von einem Kneipenabend, wie man ihn erleben möchte.

Dabei ist sein Film keineswegs perfekt. Nicht jede Episode sitzt; vieles ist banal, manches pure Blödelei. Aber gerade die Kombination all dessen funktioniert ausgezeichnet, bildet sie in ihrer Gesamtheit doch genau das ab, was das Kneipenleben ausmacht. Jeder, der eine Stammkneipe hat, wird diesen Film lieben. Und Menschen, die Kneipen meiden, könnten nach dem Kinobesuch auf den Geschmack kommen.

Fazit: Ein Film wie ein Kneipenbesuch: bier- und redselig, verraucht und herzerwärmend, voll guter Musik, skurriler Gestalten und kurioser Episoden. Christian Klandt ist die Geschichte eines perfekten Abends geglückt. Auch wenn nicht alle Episoden daraus gelungen sind, fügen sie sich am Ende zu einem atmosphärisch dichten Ganzen zusammen, das sich schlicht und einfach echt anfühlt.




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