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May, die dritte Frau
May, die dritte Frau
© JIP Film und Verleih

Kritik: May, die dritte Frau (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In ihrem Spielfilmdebüt widmet sich die Regisseurin und Drehbuchautorin Ash Mayfair der gesellschaftlichen Rolle und Stellung vietnamesischer Frauen in früherer Zeit. Zu diesem Coming-of-Age-Drama eines Mädchens, das im 19. Jahrhundert auf dem Land an einen Gutsbesitzer verheiratet wird, hat sie sich vom Leben ihrer Groß- und Urgroßmütter inspirieren lassen. Wie es damals Sitte war, ist auch die 14-jährige Heldin May nicht die einzige Frau ihres Mannes, sondern muss sich auf seinem Hof in eine komplizierte Familienhierarchie einfügen. Mayfair erzählt die von Tragik umwobene Handlung, in der May die Stimme ihres eigenen Herzens vernimmt und das Ausmaß ihrer Unfreiheit erkennt, mit viel Gespür für sinnliche Aufnahmen und die traditionelle vietnamesische Kultur.

Die wortkarge, in gemächlichem Tempo aufgeblätterte Handlung verbindet zwei Themen. Im Vordergrund geht es für und mit May um das Erleben ihrer Weiblichkeit, begleitend dazu bilden den Hintergrund aber Szenen aus dem ländlichen Jahreskreislauf mit seinen Arbeiten, Ritualen und Festen. Auf dem Hof mit den zahlreichen Bediensteten wird Seide hergestellt. Der Lebenszyklus der Seidenraupen dient als Gliederung und Vergleichsmetapher zur Entwicklungsreise der Heldin.

In der Trägheit der Tage, die für May vor allem aus Warten, Beobachten, Lernen und respektvollem Schweigen bestehen, richtet sich ihr Blick auf die eigene Sexualität. Lesbische Liebe ist natürlich verboten in einem Umfeld, in dem das Frausein an sich eine Strafe ist. Doch May liebt nicht nur Xuan, sondern auch das Frausein an sich, die Schönheit der weiblichen Körper beim Baden am Fluss, die lächelnde Sanftmut, welche die Frauen so sehr vom Hausherrn unterscheidet. Manchmal könnte man meinen, dieser romantisch-erotische Blick der Kamera gehöre einem Mann, aber das stimmt nicht. Die Filmcrew ist mitsamt Kamerafrau und Cutterin mehrheitlich weiblich.

Im häufig diesigen Licht der regenreichen Bergregion entstehen Bildkompositionen, die an Gemälde erinnern. Begleitet werden sie von Musik mit traditionellen Instrumenten und dem Konzert der Grillen, Frösche, Vögel. Natureindrücke und kulturelle Motive vermischen sich, auf dem Fluss kommt die Braut gefahren, ein Boot trägt einen Leichnam fort in die Nacht. Mays Geschichte berührt, weil sie so zärtlich und in betörend sinnlichen Bildern erzählt wird.

Fazit: Das Spielfilmdebüt der Regisseurin und Drehbuchautorin Ash Mayfair ist das betörend schön komponierte Coming-of-Age-Drama eines Mädchens, das im Vietnam des 19. Jahrhunderts verheiratet wird. Auf dem Gutshof ihres Mannes fügt sie sich beobachtend in die soziale Hierarchie ein, in der sie hinter seinen zwei anderen Ehefrauen steht. Sie lernt, dass der Wert einer Frau vom Mann bestimmt wird, ein körperlicher ist und mit der Geburt eines Sohnes steigt, aber die Stimme ihres Herzens rebelliert. Die sinnliche, romantische Inszenierung überzeugt mit ihrer Ausdruckskraft und ihrem oft liebevollen Gespür für vietnamesische Kulturtradition.




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