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Experiment Sozialismus - Rückkehr nach Kuba
Experiment Sozialismus - Rückkehr nach Kuba
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Kritik: Experiment Sozialismus - Rückkehr nach Kuba (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Für ihren ersten abendfüllenden Dokumentarfilm hat sich Jana Kaesdorf etwas Besonderes einfallen lassen. Um die Gespräche, die sie in Kuba geführt hat, zusammenzuhalten, hat sie eine alles entscheidende Person erfunden. Den Exilkubaner Arsenio Morella, der über die Insel reist und die dabei gesammelten Eindrücke als Icherzähler einordnet, gibt es nicht. Kaesdorfs Film ist also keine reine Dokumentation, sondern Doku-Fiktion. Aufgrund dieses exemplarischen Lebens funktioniert das aber prächtig.

Die Finanzierung und Realisierung dieses Films waren eine schwere Geburt, dem Ergebnis ist das nicht anzusehen. Kaesdorf, die neben Regie und Buch auch die erste Kamera und den Schnitt übernommen hat, legt ein lebendiges, beständig pulsierendes und vibrierendes Debüt vor. Zu kubanischen Afrobeats fliegen beeindruckende Landschaften, verfallende Prachtbauten und Industrie- und Agrarbrachen vorbei. Experten schätzen die Wirtschaftslage ein, einfache Arbeiter und junge Menschen schütten ihr Herz aus. Und der fiktive Icherzähler gibt kritische Kommentare ab. Wie die Musik kann auch er sich hören lassen. In der deutschen Übersetzung leiht Synchronsprecher Tom Vogt, der unter anderem Colin Firth und Laurence Fishburne spricht, Arsenio die Stimme.

So kritisch der Blick des erfundenen Exilkubaners auch sein mag, die Errungenschaften des Sozialismus blenden weder er noch die Menschen, die zu Wort kommen, aus. In all diesen Gesprächen zeigt sich vor allem, dass der so häufig und allzu vorschnell gezogene Vergleich mit dem Sozialismus osteuropäischer Prägung hinkt. Die Kubaner sind stolz auf ihre Gesellschaftsform, wollen zwar die dringend benötigten Reformen, aber nicht zwangsläufig ein anderes System.

Der Fokus liegt klar auf Kubas vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Wirtschaft. Dadurch fallen Themen wie freie politische Meinungsäußerung und politische Verfolgung (nicht nur zu Zeiten des Batista-Regimes, sondern vor allem unter Fidel Castro) größtenteils unter den Tisch. Erst ganz am Ende schneidet der Fischer Angel das Thema an. Es ist dies ein kleiner Wermutstropfen in einer gelungenen Doku-Fiktion, durch die nicht wenige Zusehende ganz nebenbei viel über die kubanische Geschichte lernen dürften.

Fazit: "Experiment Sozialismus" ist ein lebendiges, pulsierendes und vibrierendes Gesellschaftsporträt. Ein versiertes Spiel mit Fiktion und Realität, das mithilfe eines erfundenen Erzählers den Alltag umso klarer hervortreten lässt. Ein differenzierter, (selbst-)kritischer und unterhaltsamer Blick auf eine Nation in der Sinnkrise, der mit manchem Vorurteil über Castros Kuba aufräumt.




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