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Rojo - Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig
Rojo - Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig
© Cine Global Filmverleih

Kritik: Rojo - Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Benjamín Naishtats neuer Film beginnt ganz unscheinbar. Nach und nach verlassen Personen ein Haus. Zunächst sieht es so aus, als wären die Mitglieder einer Familie auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule und zum Einkauf. Doch irgendetwas an diesem Schauspiel irritiert. Die Personen werden immer mehr und verhalten sich seltsam, schieben beispielsweise ganze Schubkarrenladungen an Gegenständen durch die Eingangstür. Was das soll, klärt sich erst später. Im Verlauf der Handlung wird dieses Haus zwar nicht die zentrale, aber eine entscheidende Rolle spielen. Wie bei Naishtat üblich ist es ein Sinnbild.

Naishtat, 1986 in Buenos Aires geboren, setzt sich nicht zum ersten Mal mit den Abgründen der argentinischen Gesellschaft auseinander. Sein Langfilmdebüt "Historia del miedo" (2014), das es auf Anhieb in den Wettbewerb der Berlinale schaffte, ist eine rätselhaft und allegorisch erzählte Parabel auf soziale Ungleichheit. In "El Movimiento" (2015), der in Locarno zu sehen war, setzt sich Naishtat formal experimentierend mit den blutigen Anfängen des argentinischen Staates auseinander. "Rojo", der 2018 beim Filmfestival in San Sebastián gleich drei Preise abräumte, befasst sich nun mit einem dunklen Kapitel aus der jüngeren Vergangenheit. So konkret wie dieses Mal wurde Naishtat in seiner immer noch jungen Karriere bislang noch nie.

Vordergründig erzählt "Rojo", für den der Regisseur auch das Drehbuch geschrieben hat, von einem unaufgeklärten (Selbst-)Mord. Doch Benjamín Naishtat dient das Thrillergenre lediglich als Triebfeder, um eine Handlung in Gang zu bringen und am Laufen zu halten, die sich zu einem breiten Gesellschaftsroman auffächert. Durchgängiges Motiv ist das Verschwinden. Der von Darío Grandinetti mit stoischer innerer Anspannung gespielte Protagonist lässt einen Mann in der Wüste verschwinden. Ein Arzt und seine Frau verschwinden eigenmächtig aus dem Land. Der Familie aus dem eingangs erwähnten Haus gelang das vermutlich nicht mehr. Ja, selbst in einer Tanztheater-Aufführung an einer Schule geht es um Ureinwohner, die weißen Siedlern ihre Frauen rauben.

Die Handlung ist kurze Zeit vor dem Militärputsch 1976 angesiedelt. Wichtiger als das, was der Film zeigt, ist das, was unausgesprochen bleibt. In den unterschiedlichen Figuren – vom Protagonisten, der für das Wohl seiner Familie über Leichen geht, bis hin zu gewaltbereiten jungen Männern, die Konflikte mit radikalen Mitteln lösen – ist die Saat bereits angelegt, ist der Boden für die kommende Militärdiktatur bereitet. Die Paranoia, die allerorten um sich greift, übersetzt Naishtat auch in Filmbilder. Wenn sein Kameramann Pedro Sotero im Stile seines Kollegen Gregg Toland (u. a."Citizen Kane", 1941) Vorder- und Hintergründe gleichermaßen in den Fokus rückt, schnurrt der Raum dazwischen zusammen. Die Figuren darin verschwinden in der Unschärfe. Fast so, als wären sie nie da gewesen.

Fazit: Benjamín Naishtats neuer Film ist nur vordergründig ein Thriller. Der 1986 geborene Argentinier spannt ein breites Gesellschaftspanorama auf und zeigt ein Klima, das zehn Jahre vor der Geburt des Regisseurs die Militärdiktatur erst ermöglichte. Ein überzeugend gespielter und visuell experimentierfreudiger Film, in dem vieles nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.




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