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Winter Journey
Winter Journey
© Real Fiction

Kritik: Winterreise (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Winterreise" von Anders Østergaard basiert auf dem 2002 erschienenen Interview-Buch "Die unauslöschliche Symphonie: Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches – eine deutsch-jüdische Geschichte" des US-amerikanischen Radiomoderators Martin Goldsmith, der darin die Biografie seines verwitweten Vaters Günther Goldschmidt alias George Goldsmith zu rekonstruieren versucht. Auf der Leinwand entfaltet sich ein filmischer Essay, der sowohl mit Archivaufnahmen und historischen Fotografien als auch mit heutigen Bildern arbeitet und das Dokumentarische mit Spielszenen kombiniert – teilweise in Schwarz-Weiß, mit Shootingstar Leonard Scheicher ("Das schweigende Klassenzimmer") in der Rolle des jungen Günther, und teilweise mit Homevideo-Elementen, mit dem großartigen Bruno Ganz ("Der Himmel über Berlin", "Der Untergang") in seinem letzten Kino-Auftritt als gealterter Vater von Martin.

Die dänisch-deutsche Co-Produktion zeichnet sich durch einen innovativen Umgang mit ihrem Material aus – etwa wenn die Spielenden in den Rückblicks-Passagen in historische Aufnahmen hineinmontiert werden und dadurch eindrückliche audiovisuelle Collagen entstehen. Die nachgestellten Interview-Auszüge, in denen Günther von Martin (aus dem Off) befragt wird, leben indes von Ganz' Ausstrahlung und von dessen feinfühliger Rolleninterpretation zwischen Trotz und Melancholie.

In der Art und Weise, wie sich "Winterreise" und dessen Vorlage der Historie widmen, wird spürbar, welchen großen Einfluss die Umstände sowie die Ungerechtigkeiten und Verbrechen der Zeit auf das Leben eines Menschen haben – und wie schwer es sein kann, sich Dinge wieder in Erinnerung zu rufen, die mit so viel Schmerz verbunden sind.

Fazit: Eine originell gestaltete Adaption eines Interview-Buchs mit dem stets einnehmenden Bruno Ganz (1941-2019) in seiner letzten Rolle.




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