VG-Wort

oder
Germans & Jews - Eine neue Perspektive
Germans & Jews - Eine neue Perspektive
© W-Film

Kritik: Germans & Jews - Eine neue Perspektive (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust prägen das Bild, das sich die Welt von Deutschland macht, bis heute. Ein Interviewpartner, den Janina Quint an den Anfang ihres Dokumentarfilms gestellt hat, bringt es auf den Punkt. Sein Vater habe ihm gesagt, dass es zwei Arten von Menschen auf der Welt gebe: Juden und Nazis. Von diesem harten Schwarz-Weiß-Kontrast ausgehend begibt sich Quint auf die Suche nach den Grautönen dazwischen. Denn seit 1945 hat sich nicht nur in Deutschland einiges getan, auch der Blick der Welt auf Deutschland verändert sich beständig. Dieser "neue[n] Perspektive", wie es im Untertitel heißt, spürt Quints Film nach.

Auslöser für "Germans & Jews" war eine Beobachtung von Quints Freundin Tal Recanati, der ausführenden Produzentin des Films. Beide Frauen leben in New York und waren erstaunt, wie stark die jüdische Bevölkerung Berlins wächst, nicht nur durch den Zuzug aus Osteuropa, sondern auch aus Israel. Die Gründe dafür sind so vielfältig, wie die deutsche Hauptstadt bunt ist. Ein ausschlaggebender Faktor dürfte wohl der im Vergleich zu anderen angesagten Metropolen erschwingliche Wohnraum sein. So neu ist diese Perspektive allerdings nicht – zumindest nicht in Deutschland. Während "Germans & Jews" in den USA bereits 2016 auf den Markt kam und dort Pionierarbeit leistete, ist der Film hierzulande erst jetzt und damit eineinhalb Jahre nach dem Dokumentarfilm "Back to the Fatherland" (2017) zu sehen, in dem die Regisseurinnen Gil Levanon und Kat Rohrer sich mit demselben Thema befassten.

Das ist schade, denn so wirkt "Germans & Jews", obwohl früher entstanden, ein wenig wie eine Ergänzung. Wer Levanons und Rohrers Dokumentarfilm nicht gesehen hat, sollte sich "Germans & Jews" aber auf jeden Fall ansehen. Ganz ähnlich wie ihre Kolleginnen setzt sich auch Quint mit in Deutschland lebenden Juden und nicht-jüdischen Deutschen an einen Tisch und lauscht den Diskussionen. Diese geraten allerdings nicht annähernd so lebhaft und konfliktgeladen wie in "Back to the Fatherland". Dazwischen mischt Quint klassisch in Szene gesetzte Interviews mit Experten und Zeitzeugen, etwa dem Soziologen Harald Welzer, der Germanistin Barbara Hahn, dem Schriftsteller Rafael Seligmann oder dem 2016 verstorbenen Historiker Fritz Stern.

Daraus ergibt sich ein vielstimmiger Chor, der die sich wandelnde Wahrnehmung des Nazi-Regimes in West- und Ostdeutschland rekapituliert – von der Verdrängung der Kriegsgräuel über die Konfrontation bis zur Aufarbeitung, vom Eichmann-Prozess und den Auschwitzprozessen über die 68er-Bewegung und die Fernsehserie "Holocaust" (1978) bis zu Richard von Weizsäckers Rede 1985 und zur Entstehung des Projekts "Topographie des Terrors". Das zielt vornehmlich auf ein internationales, mit der deutschen Nachkriegsgeschichte wenig bis überhaupt nicht vertrautes Publikum ab. Die sachlich vermittelten historischen Stationen sollten aber auch für jeden Deutschen Pflichtprogramm sein, der im Geschichtsunterricht geschlafen hat.

Vor allem aber zeigt "Germans & Jews" auf, dass Geschichte, allen Gegenstimmen zum Trotz, durch eine lebendige Erinnerungs- und Debattenkultur stets gegenwärtig bleiben muss. Die vier Jahre Verspätung, mit denen der Film in Deutschland startet und der wegen der Coronakrise nun online zu sehen ist, machen das umso deutlicher. 2020 ist "Germans & Jews" selbst zum Zeitdokument geworden. Der Historiker Fritz Stern ist 2016 gestorben. Und der Antisemitismus im Land hat durch den Einzug der AfD in den Bundestag und durch Angriffe wie den Anschlag auf die Synagoge in Halle zugenommen. Im Film selbst ist davon wenig bis nichts zu spüren. In der Rückschau betrachtet, zeichnet "Germans & Jews" hier ein zu positives Bild. Umso wichtiger ist es, sich diesen Film anzusehen.

Fazit: "Germans & Jews" spürt dem schwierigen Verhältnis zwischen in Deutschland lebenden Juden und nichtjüdischen Deutschen nach. Leider kommt dieser Dokumentarfilm erst vier Jahre nach seiner Entstehung nach Deutschland. In der Zwischenzeit hat der Antisemitismus im Land zugenommen. Das Bild, das der Film zeichnet, mag in der Rückschau betrachtet zu positiv erscheinen. Umso wichtiger ist es jedoch, sich diesen Film anzusehen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.