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Stillstehen
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© farbfilm verleih

Kritik: Stillstehen (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Hauptdarstellerin Natalia Belitski spielt im Film die leicht kindlich wirkende Mittzwanzigerin Julie. Tatsächlich ist die 36-Jährige seit über zehn Jahren erfolgreich im TV- und Filmgeschäft tätig. Ab 2009 begann sie ihre schauspielerische Tätigkeit mit Rollen in TV-Reihen wie "Tatort" oder "Bloch". Ihr Verlobter, Jürgen Vogel, spielt in "Stillstehen" eine Nebenrolle. Überhaupt verfügt die deutsch-italienische Ko-Produktion, die 2018 unter anderem auf dem Filmfest München zu sehen war, über einen namhaften (Nebendarsteller-) Cast: von Martin Wuttke über Ole Lagerpusch bis hin zu Katharina Schüttler.

Es ist die Unterschiedlichkeit in der Lebenswelt der beiden Hauptfiguren, die dafür sorgt, dass man die Entwicklung der Beziehung zwischen diesen zwei gegensätzlichen Frauen so gebannt verfolgt. Denn obwohl sie von außen betrachtet kaum unterschiedlicher sein könnten, beschäftigen sie doch ganz ähnliche Probleme und Themen. Die kurz vor der Insolvenz stehende, bisweilen etwas überheblich und arrogant wirkende Julie braucht Freiheiten und widersetzt sich gesellschaftlichen Normen. Agnes hingegen führt das (scheinbar) perfekte Familienleben mit Mann, Kind und abgesicherter Existenz. Dennoch sorgen seelische Unausgeglichenheit, ein hohes Maß an sexuellem Frust und emotionale Instabilitäten bei beiden Frauen für innere Konflikte.

Genau das lässt Agnes und Julie einander verstehen und sorgt dafür, dass sich diese ambivalenten Figuren näher kommen. Die intimen Momente zwischen Julie und Agnes inszeniert Regisseurin Elisa Mishto als zarte, mit atmosphärisch-getragenen Elektro-Sounds untermalte Szenen berührender Intimität, Lust und Befreiung. Ebenso einfühlsam wie glaubhaft agieren Natalia Belitski und Luisa-Céline Gaffron in ihren vielschichtigen Rollen. Eigenwillig und besonnen sind die Charaktere gezeichnet, die von Belitski und Gaffron präzise und hingebungsvoll zum Leben erweckt werden.

Darüber hinaus thematisiert "Stillstehen" – respektvoll und klischeefrei – das Leben und den Alltag in einer psychiatrischen Einrichtung, in der Menschen mit den unterschiedlichsten Biographien, Lebensrealitäten und sozialen Backgrounds gegen ihre seelische Erkrankung kämpfen. "Stillstehen" verfügt darüber hinaus immer wieder über traumwandlerische, surreal anmutende Sequenzen, in denen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit zu verschwimmen scheinen – ob auf einer kleinen Bühne im Gemeinschaftsraum der Klinik, im Pool von Julies‘ Anwesen oder hinter einem Regal in einem kleinen Kellerraum der Psychiatrie.

Fazit: Kluger, mit atmosphärischem Feinsinn und erzählerischer Ruhe inszenierter, ungewöhnlicher Mix aus Drama, sanfter Romanze und hintersinniger Komödie.




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