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Kritik: Vitalina Varela (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Pedro Costa blickt in seinen Filmen dahin, wo andere nicht hinsehen wollen. Die Dramen des 1958 geborenen Regisseurs, Drehbuchautors und Kameramanns erzählen von Einwanderern und anderen Randfiguren der Gesellschaft. Meist spielen sie an Orten, die Touristen nicht zu Gesicht bekommen, wie dem Lissabonner Viertel Fontaínhas, wo auch sein jüngster Film angesiedelt ist. Costas Mischung aus Drama, theatralen und dokumentarischen Elementen hat ihm im Verlauf seiner Karriere viel Kritikerlob und namhafte Preise eingebracht.

Auch "Vitalina Varela" ist preisgekrönt. Das Drama erhielt unter anderem drei Auszeichnungen beim Locarno Film Festival, darunter der Preis für die beste Darstellerin und der Goldene Leopard als bester Film. Seine Hauptfigur und die Geschichte fand Costa übrigens zufällig. Als er für "Horse Money" (2014) nach geeigneten Drehorten suchte, klopfte er an Vitalena Varelas Tür. Costas neuer, nach seiner Heldin benannte Film erzählt eine leicht abgewandelte und künstlerisch stark überhöhte Version ihrer Lebensgeschichte.

Stilistisch packt Costa alles in diesen Film, was das Kino hergibt. Das Chiaroscuro des Kameramanns Leonardo Simões erinnert an große Werke Caravaggios und Rembrandts. Beinahe jede Einstellung gleicht einem Gemälde. In perfekt durchkomponierten Tableaus sind die Laiendarsteller wie auf einer Theaterbühne platziert. Ihre Dialoge und Monologe sind gekünstelt. Echte Lebensverhältnisse treffen auf eine fiktive Erzählung, dokumentierte Armut auf inszenierte Kunst.

Das sieht grandios aus, läuft aber alsbald ins Leere. Costa erzählt eine Geistergeschichte voller lebloser, antriebsloser Menschen. In ihrer Trauer und ihrer Enttäuschung über ihren Ehemann ist Vitalina wie erstarrt. Dass viele kapverdische Frauen ihr bewegendes Schicksal teilen, bewegt einen nicht. Dazu bleibt Costas Inszenierung zu distanziert, zu langsam und langatmig und zu sehr an der eigenen Form und zu wenig an den Figuren interessiert.

Fazit: Pedro Costas neuer Film ist preisgekrönt und von der Kritik gefeiert. Formal ist "Vitalina Varela" ein Kunstwerk für sich, vielleicht gar ein kleines Meisterwerk. Costa erzählt die bewegende Geschichte einer kapverdischen Fraue jedoch so langsam, langatmig, überhöht und distanziert, dass er seine Figuren letztlich der Form opfert.




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