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Kritik: Man from Beirut (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Im deutschen Film und Fernsehen ist Kida Khodr Ramadan auf Bösewichte abonniert. Die Serie "4 Blocks", in der er den Anführer eines Neuköllner Familienclans spielt, machte ihn einem breit(er)en Publikum bekannt. Wer wäre für einen Neo-Noir-Thriller in Deutschlands Hauptstadt also besser geeignet als der 1976 in Beirut geborene und in West-Berlin aufgewachsene Ramadan? Regisseur und Co-Autor Christoph Gampl nutzt die Gelegenheit, ausgiebig seinen Vorbildern zu frönen und Ramadans Image aufzupolieren. Denn der von ihm gespielte Verbrecher ist ein Killer mit Herz.

Die Anleihen sind offensichtlich. Die kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Kamerafrau Eeva Fleig sind eine Hommage an Hollywoods "Schwarze Serie". Die Geschichte selbst verbeugt sich vor französischen Genre-Klassikern wie Jean-Pierre Melvilles "Der eiskalte Engel" (1967), Pierre Salvadoris "Der Killer und das Mädchen" 1993), vor allem aber vor Luc Bessons "Léon: Der Profi" (1994).

An diese Vorbilder reicht "Man from Beirut" zwar nicht heran, kann sich aber sehr wohl sehen lassen. Ohne klassisches Budget entstanden, wirkt der Thriller – nicht zuletzt dank seiner tollen Kamerafahrten und -flüge – oft wie eine weitaus teurere Produktion. Die Krimihandlung spielt sich wiederholt vor beeindruckenden Sets ab, die markante Ecken der deutschen Hauptstadt zeigen, die viele im Kinopublikum bislang noch nicht kennen dürften. Und auch die Gastauftritte von Mišel Matičević ("Im Angesicht des Verbrechens", "Babylon Berlin"), Lucas Gregorowicz ("Lammbock", "Sommerfest") und Frederick Lau ("Victoria", "Das perfekte Geheimnis") stehen dem Film gut zu Gesicht.

Bei den Schauspielleistungen gibt es deutliche Unterschiede. Aufgrund der genretypischen Übertreibungen einer Geschichte im Ganovenmilieu fallen diese aber nicht allzu sehr ins Gewicht. Schwerer wiegt da schon das Drehbuch aus der Feder von Gampl und Co-Autor Boris Naujoks, das mehr Dichte und Drive vertragen hätte. Susanne Wuests Rolle als eiskalte Auftragskillerin, die einem Auftragskiller hinterherjagt, wirkt nicht recht zu Ende gedacht. Dasselbe gilt für Momos Blindheit, einem Handicap, das ihm in den entscheidenden Momenten nicht entschieden genug zum Vorteil gereicht. Hier bleibt jede Menge Potenzial liegen. Und auch dem Konflikt zwischen Momo und seiner rechten Hand Kadir hätte mehr Zuspitzung gutgetan.

Trotz alledem ist "Man from Beirut" in diesen krisengeplagten Zeiten eine willkommene Abwechslung für die so lange ausharrenden Kino-Sehnsüchtigen. Wegen des Coronavirus wird der Film in ausgewählten Auto- und Open-Air-Kinos zu sehen sein und dort garantiert ein dankbares Publikum finden.

Fazit: "Man from Beirut" erfindet den Noir-Thriller nicht neu, ist aber ein gelungener Beitrag zum Genre. Der Regisseur und Co-Autor Christoph Gampl ist sich seiner Vorbilder stets bewusst, zollt diesen Respekt und schafft doch etwas Eigenes. Herausgekommen ist ein facettenreicher Berlin-Film, der während der Coronakrise eine spannende Abwechslung in der kinofreien Zeit bietet.




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