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Der flüssige Spiegel
Der flüssige Spiegel
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Kritik: Der flüssige Spiegel (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der junge Held dieses Fantasydramas irrt orientierungslos durch Paris und wirkt dabei wie abgeschnitten vom Leben. Der französische Regisseur Stéphane Batut veranstaltet in seinem Langfilmdebüt aber auch mit den Zuschauern ein vertracktes Rätselspiel, in dem die üblichen Gewissheiten über das Hier und Jetzt als Wegweiser versagen.

Die romantische Geschichte beginnt wie eine Dystopie mit Science-Fiction-Anklängen, wenn der erinnerungslose Juste im Sprechzimmer der Frau mit dem weißen Kittel sitzt. Welches Schicksal er erlitt, was seine Bestimmung sein soll und ob er dabei ein Wörtchen mitreden kann, deutet sich nur langsam und schemenhaft an. Das aber verstärkt die Spannung der Geschichte, die auch emotional zu fesseln vermag, sobald Agathe dem Helden begegnet. Auf einmal wirkt Juste in der Welt nicht mehr so verloren. Die Romanze verheißt den beiden mit ihrer Zärtlichkeit, ihrer selbstverständlichen Leichtigkeit ein wunderbares Glück.

Judith Chemla schafft als fröhlich-lebhafte Agathe ein sympathisches Gegengewicht zur wortkargen emotionalen Armut Justes und zur Trauer, die den Unterstrom der Geschichte bildet. Batut inszeniert auf elegante, leichte Weise Momente zärtlicher Erotik und Geborgenheit. Doch die Liebe hat es mit einem mächtigen Gegner zu tun. Parabelhaft untersucht das Drama die sprichwörtliche Unsterblichkeit der Liebe und wie es sich mit dem Weiterleben in der Erinnerung anderer verhält. Dafür erweitert es den Raum des Diesseits um ein Zwischenreich, das in der Mythologie vieler Kulturen von den Seelen kürzlich Verstorbener bevölkert ist. Um ins Jenseits zu finden, brauchen sie unter Umständen Hilfe und Geleit. Hier müssen sie dabei ihre Amnesie ein Stück weit überwinden.

Vieles bleibt unerklärt, rätselhaft. Mit seiner kreativen Ausdruckskraft aber erzählt der Film beeindruckend von der Macht der Gefühle, der menschlichen Fähigkeit, sich eine immaterielle Wahrheit zu erschaffen und anderen darin die Hand zu reichen. Vieles spielt sich nachts ab, auf den Straßen von Paris, dem Park, der womöglich schon nicht mehr ganz im Diesseits liegt. Eine schwermütige, an alte Melodramen und ihre illusionäre Traumwelt erinnernde Musik durchzieht diesen atmosphärisch dichten, stark auf die audiovisuelle Sprache des Kinos vertrauenden Film.

Fazit: Der romantische Debütspielfilm des französischen Regisseurs Stéphane Batut tritt ein Stück weit über die Realität hinaus und erkundet mit Lust an mystischer Träumerei Erfahrungsräume, die sich Sterblichen in der Regel nicht offenbaren. Die Liebe und der Tod liefern sich ein erbittertes Kräftemessen, während das Drama seinen jungen, verloren wirkenden Helden mit einer Frau zusammenführt. Oft von schwermütiger Musik begleitet und in das Halbdunkel nächtlicher Szenen gehüllt, entfaltet das Geschehen eine fesselnde sinnliche Atmosphäre. Die mutig dahin skizzierten Vorstellungswelten wirken auf spannende Weise rätselhaft.




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