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Vatersland (2020)

Autobiografisch gefärbter Spielfilm von Petra Seeger über die Kindheit und Jugend eines Mädchens in den 1960er Jahren.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.3 / 5

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Die Filmemacherin Marie (Margarita Broich) öffnet nach dem Tod ihres Vaters (Bernhard Schütz) eine Kiste voller Familienfotos und privater Filmaufnahmen, die er im Laufe ihrer Kindheit und Jugend erstellte. Die Erinnerungen, die hochkommen, stürzen sie in eine persönliche Krise. Sie nimmt eine Auszeit von Mann und Tochter, um sich der eigenen Vergangenheit zu widmen.

In den Aufnahmen des Vaters erkennt sich die erwachsene Frau nicht wieder, denn ihre Erinnerungen sind voller Schmerz und Enttäuschung. Als Marie (Felizia Trube) acht Jahre alt ist, erkrankt ihre Mutter (Margarita Broich) an Krebs, zwei Jahre später ist sie tot. Es sind die 1960er Jahre und Marie (Momo Beier) muss im Haushalt, zu dem der Vater und der ältere Bruder Wolfgang (Matti Schmidt-Schaller) gehören, Aufgaben wie Kochen und Putzen übernehmen. Der barsche Vater, der als Fotograf arbeitet, will der interessierten Marie nichts über das Bildermachen erklären, sondern meint, Mädchen gehörten vor die Kamera.

Der Vater steckt Marie in ein katholisches Mädcheninternat. Doch ihre Noten sind schlecht und ihr Benehmen führt letztlich zum Rausschmiss der Jugendlichen (Stella Holzapfel). Die wilde Ära der 68er hat längst begonnen, der Bruder demonstriert, kifft und Marie glaubt vorübergehend an die Revolution der Arbeiterklasse. Dem Vater fliegen am Küchentisch Meinungen um die Ohren, die er nicht für möglich gehalten hätte.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse3 / 5

Der Titel "Vatersland" verrät bereits auf sehr treffende Weise, worum es in diesem autobiografisch gefärbten, ersten Spielfilm der Regisseurin Petra Seeger ("Auf der Suche nach dem Gedächtnis") geht. Sie setzt sich mit ihrem Aufwachsen im Vaterland auseinander, das in der patriarchalischen Gesellschaft der 1960er Jahre und ganz konkret im familiären Alltag eben Vaters Land gewesen ist. Marie, das fiktionale Alter Ego der Regisseurin und Drehbuchautorin, wird nach dem frühen Tod der Mutter ständig vom Vater gedeckelt und in die Schranken ihres als untergeordnet geltenden Geschlechts verwiesen. Spricht der Vater sie an, dann mit Worten wie: "Mach dich mal nützlich", oder "Wer soll dich denn mal nehmen?".

Seeger gelingt ein feministisch erhelltes Porträt der spießigen Nachkriegsära, das realistisch bis ins Detail offenlegt, wie autoritär es in Familien zuging, wie Mädchen systematisch zur braven Hausfrau erzogen wurden. Maries späte Auseinandersetzung mit ihren Gefühlen als Kind und Jugendliche verläuft holprig und schmerzhaft, im ständigen Wechsel zwischen der Sichtung der väterlichen Fotografien und Filme und den eigenen Erinnerungen. Seeger fügt den Spielszenen die echten Fotos und 16-mm-Filme ihres Vaters hinzu, aus denen zumindest in den frühen Jahren mit der Mutter auch ein gewisses Familienglück spricht.

Die jungen Darstellerinnen spielen hervorragend und oft auch mit feinem Sinn für Humor, wie Marie im freudlosen Alltag nach Antworten sucht, die Zumutungen und Zurückweisungen des Vaters erträgt, ab und zu ein wenig rebelliert. Dabei wird auch bundesdeutsche Geschichte abgeklappert, die Fernsehübertragung des Adenauer-Begräbnisses, die Studentenrevolte, und es erklingen einst so beliebte Schlager wie Freddy Quinns "100 Mann und ein Befehl". Die milde Ironie der Betrachtungen, der Reichtum dieser persönlichen Geschichtsstunde, in der sich aber mehr als nur eine Generation von Frauen wiederfinden dürfte, stehen dem Film gut zu Gesicht. Leider ist er jedoch auch langatmig geraten und die Regisseurin packt in etlichen, schlecht strukturierten Schleifen immer wieder alte Babyaufnahmen hinein, die zur Spannung nichts mehr beitragen.

Fazit: Die Regisseurin Petra Seeger schildert in ihrem autobiografisch gefärbten Spielfilmdebüt sehr treffend, wie patriarchalisch gegängelt Mädchen in der bundesdeutschen Nachkriegsära aufwuchsen. Die Hauptfigur Marie, die sich als Erwachsene mit ihrer familiären Vergangenheit, dem frühen Verlust der Mutter und der Erinnerung an den unnahbaren, autoritären Vater auseinandersetzt, wird von vier Darstellerinnen überzeugend gespielt. Im Wechsel mit den Aufnahmen, auf denen Seegers Vater Momente des Glücks oder auch nur gestelltes Lächeln verewigte, entfaltet sich ein reiches, genaues Porträt der 1960er Jahre. Der feministische Blick zurück ist angenehm von milder Ironie durchzogen, aber die Erzählung gerät etwas langatmig.




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Land: Deutschland, Belgien
Jahr: 2020
Genre: Drama
Länge: 118 Minuten
Kinostart: 10.03.2022
Regie: Petra Seeger
Verleih: W-Film

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