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Kritik: The wild pear tree (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan ist bekannt für seine epischen, ruhigen Dramen ("Es war einmal in Anatolien", "Winterschlaf"), die tief in den Mikrokosmos der Provinz eintauchen. Sie saugen mit offenen Sinnen die Naturatmosphäre auf und tasten sich in die Mentalität, die sozialen Strukturen, das Miteinander und die Sorgen der Menschen vor. Dabei wird auch, mit einer Mischung aus satirischer Sozialkritik und Sympathie für den Einzelnen, die Rückständigkeit und Trägheit der Provinz thematisiert. Auch in Ceylans jüngstem Werk geht es, aus der Perspektive eines jungen Schriftstellers, um die Liebe zur Provinzheimat und den oft vergeblichen Wunsch, sie für liberalen Fortschritt zu öffnen.

Sinan versteht die Frauen nicht mehr, mit denen er aufgewachsen ist. Die Mutter nicht, die machtlos gegen die Wettleidenschaft des Vaters und ihre schlimmen Folgen ist und trotzdem sagt, sie würde ihren Mann wieder heiraten. Die schöne Schulfreundin Hatice (Hazar Ergüçlü) nicht, die sich gegen ein Studium entschieden hat und nun zweifelnd vor der Verheiratung mit einem Juwelier steht. Er versteht den Vater nicht, der immer zu Scherzen aufgelegt ist und sogar ihn um Geld anbettelt. Mit seinem Vater verbindet ihn eine Hassliebe, die ihn oft sprachlos macht. Aber andere Gesprächspartner, etwa ein junger Imam, ein anerkannter Schriftsteller, ein Unternehmer, der Schriftsteller fördert, bekommen Sinans Ansichten zu hören und fühlen sich von seiner arrogant wirkenden Unverblümtheit angegriffen.

Mit viel Sinn für die Ergiebigkeit von Streitgesprächen räumt Ceylan diesen lange Passagen ein, die hoch spannend wirken. Da geht es um Themen wie die politische und wirtschaftliche Gängelung des Heimatbewusstseins, um die Unfreiheit des Denkens, um den Umgang mit sogenannten Terroristen im Osten des Landes. In diesen Auseinandersetzungen spiegeln sich die Widersprüche einer autoritären Gesellschaft im Wandel.

Der Held Sinan ist vor Dünkel und Selbstgerechtigkeit nicht gefeit und alles andere als ein Gutmensch, der der rückständigen Provinz Nachhilfe erteilt. Dieser realistische, sich der Schönfärberei verweigernde filmische Ansatz verleiht den immerhin rund drei Stunden eine fesselnde dramatische Kraft. Das Filmvergnügen wird durch krähende Hähne, die imposante Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten sinnlich abgerundet.

Fazit: Regisseur Nuri Bilge Ceylan vertieft sich mit epischem Atem in einen Vater-Sohn-Konflikt vor dem Hintergrund des zaghaften gesellschaftlichen Wandels in der türkischen Provinz. Kann ein Sohn, der nach dem Studium in seine Heimat zurückkehrt, sie mit ein paar Impulsen aus ihrem Dornröschenschlaf wecken, die Fesseln von Tradition und Obrigkeitshörigkeit lockern? Der junge, schriftstellernde Held stößt schon angesichts des privaten Unglücks seiner Eltern an Grenzen. Das sinnliche, genau beobachtende Drama entwickelt vor allem in den Passagen langer Streitgespräche eine Spannung, die seiner vielschichtigen Aussagekraft angemessen ist.





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