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Be Natural - Sei Du selbst
Be Natural - Sei Du selbst
© Filmperlen

Kritik: Be Natural - Sei Du selbst (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In ihrem Dokumentarfilm "Be Natural – Sei Du selbst: Die Filmpionierin Alice Guy-Blanché" spürt Pamela B. Green dem Leben und Werk einer Frau nach, die von der Kinohistorie zu Unrecht vergessen wurde. Das Porträt gibt Einblick in die bahnbrechende Arbeit von Alice Guy-Blanché, deren Œuvre als Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin circa 1000 Filme umfasst – womit sie mehr kinematografische Werke geschaffen hat als Thomas Edison, die Lumiére-Brüder oder Georges Méliès.

Bereits der Einstieg von "Be Natural" ist bemerkenswert: In einer aufwendigen Animationssequenz wird die Geschichte des Films im Schnelldurchlauf vom heutigen Hollywood bis zu den Anfängen durch ausgewählte Klassiker rückwärts erzählt, bis es aus den USA nach Frankreich ins Jahr 1895 zur ersten öffentlichen Präsentation des Kinematographen im winterlichen Paris und schließlich zur ersten privaten Vorführung im Frühling geht – der Geburt des Kinos, der Alice Guy als junge Sekretärin beiwohnte. Green macht deutlich, dass Guy zu den ersten Filmschaffenden gehörte, die das Medium dazu nutzten, Geschichten zu schildern statt lediglich den Alltag zu dokumentieren. Wie sich herausstellt, inspirierte sie Regie-Größen wie Sergej Eisenstein und Alfred Hitchcock. Früh experimentierte sie mit Filmtechniken wie der Nahaufnahmen und dem split screen, sie setzte Spezialeffekte ein, machte Slapstick-Komödien und Filmmusicals. Ausschnitte aus ihren Filmen, etwa aus "La Fée aux Choux" (1896) oder aus "Les Résultats du féminisme" (1906), lassen erkennen, wie kreativ und zeitlos ihre Arbeiten, unter anderem im Spiel mit Geschlechterrollen, sind. Schön ist auch, wie kurz demonstriert wird, dass aktuelle YouTube-Videos vom frühen Kino beeinflusst sind.

O-Töne und Bewegtbild-Material von Alice Guy-Blanché liefern in erster Linie zwei Interviews aus den Jahren 1957 und 1964. Green hat zudem zahlreiche bekannte Gesichter, darunter Catherine Hardwicke, Patty Jenkins und Peter Bogdanovich, interviewt und lässt Leute aus den Bereichen der Filmwissenschaft und der Filmpraxis zu Wort kommen. Die Regisseurin fängt ihre Recherche spannungsreich ein, von der Google-Suche über die Sichtung von Fotografien und Dokumenten bis hin zu Telefonaten und Videokonferenzen mit entfernten Verwandten von Guy-Blanché. Im Zuge von Greens detektivischer Arbeit werden die bis dato kaum verfügbaren Filme der Kinopionierin in Archiven aufgetan und die Gründe, weshalb Guy-Blanché nahezu in Vergessenheit geriet, werden erforscht.

Fazit: Ein origineller, mit Hingabe gemachter Dokumentarfilm über eine zentrale weibliche Figur der Filmgeschichte, mit zahlreichen erhellenden Momenten.




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