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Kritik: Nina Wu (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der aus Myanmar stammende, in Taiwan ausgebildete Regisseur Midi Z ("Ice Poison") liefert einen frühen und spannenden filmischen Beitrag zur MeToo-Debatte. In der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh ergreift die Titelfigur Nina Wu die Chance, mit einer größeren Filmrolle ihre Karriere als Schauspielerin zu sichern. Aber sie bezahlt dafür einen hohen emotionalen Preis. Midi Z arbeitete auch am Drehbuch mit, das von der Hauptdarstellerin Ke-Xi Wu stammt. Wu ließ sich dazu von ihren eigenen schlimmen Erfahrungen bei Dreharbeiten inspirieren. Nicht nur in Hollywood, auch in Asien wurde zu lange der Mantel des Schweigens über die Übergriffe von Regisseuren und Produzenten gegenüber Schauspielerinnen ausgebreitet.

Alles fängt scheinbar harmlos an. Nina möchte sich nicht nackt ausziehen vor der Kamera, aber ihr Agent erwidert, in Hollywood würde kein Profi eine gute Rolle wegen einer Nacktszene ablehnen. Und Nina will ja ein Profi sein. Sie deklamiert brav beim Casting ihren Text, in dem die Filmfigur ihre körperliche und seelische Ausbeutung beklagt. Allerdings entsteht bald der Eindruck, als würde Nina selbst auch die tiefe Krise durchleben, die sie vor der Kamera spielen muss. Erst spät folgt die filmische Auflösung dieses Rätsels, so dass die Geschichte lange in einem reizvollen Schwebezustand verharrt.

Beim Dreh ringt Nina auch unter widrigsten Umständen um Beherrschung. Doch es suchen sie Albträume heim, ihre Wahrnehmung spielt ihr Streiche. Oft scheinen die Grenzen zwischen Außen- und Innenwelt zu verschwimmen. Wiederholt geht Nina in einem roten Kleid durch einen unheimlichen Hotelflur zum Zimmer 1408 – eine Referenz an den gleichnamigen Horrorthriller von Mikael Hafström.

Die Farbe Rot spielt eine große Rolle bei der visuellen Gestaltung. Wenn Räume in rötliches Licht getaucht sind, scheint Nina ihren eigenen Film zu durchleben. Rot kann für sexuelle Lust, für die Liebe, aber auch für Blut und Gefahr stehen. Nina sorgt sich auch um ihre Beziehung zu Kiki, mit der sie eine heimliche Liebe verbindet. Und ihre Eltern sind ebenfalls in eine Krise gerutscht, aufgrund von Schulden und Krankheit. Der Regisseur wollte nach eigener Aussage darauf hinweisen, dass zwischen harter Arbeit und dem verdienten Erfolg oder Glück oft eine tiefe Kluft klafft. Die Chancen seien im Berufsleben zu ungleich verteilt, gerade für Frauen. Nina kämpft schließlich um alles, um ihre Identität, ihre geistige Gesundheit.

Fazit: Unter der Regie von Midi Z ist ein spannender asiatischer Filmbeitrag zur MeToo-Debatte entstanden, der vom teuer erkauften Erfolg einer Schauspielerin in Taipeh erzählt. Das Drehbuch ist von leidvollen Erfahrungen der Hauptdarstellerin Ke-Xi Wu im Filmgeschäft inspiriert. Während und nach den Dreharbeiten zu ihrem ersten Spielfilm gerät die aufstrebende Schauspielerin Nina Wu zunehmend in seelische Not. Der Psychothriller mäandert mit der Titelfigur zwischen Außen- und Innenwelt und schildert dabei eindrucksvoll ihren Kampf ums emotionale Überleben.




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