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The Photograph
The Photograph
© Universal Pictures International

Kritik: The Photograph (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Dieser romantische Film der Regisseurin und Drehbuchautorin Stella Meghie ("Du neben mir") weist mehrere Besonderheiten auf. Die wichtigste ist, dass die zentralen Charaktere und auch viele Nebenfiguren Afroamerikaner sind. Meghie spricht von einer "schwarzen Liebesgeschichte", von denen es in Hollywood ja noch nicht sehr viele gibt. Eine zweite Besonderheit ist, dass es sich um zwei verschiedene Beziehungsgeschichten handelt, die einer Frau in den 1980er Jahren und die ihrer erwachsenen Tochter in der Gegenwart. Schon der Titel könnte im übrigen darauf hinweisen, dass eingespielte Sehgewohnheiten und Lesarten bei diesem Film versagen: Wer bei "The Photograph" an einen Mann denkt, irrt nämlich schon einmal.

Aber es gibt noch weitere Besonderheiten, die sich den Erwartungen des Publikums vielleicht widersetzen. Anders als etwa in dem Liebesfilm "Beale Street" von Barry Jenkins spielt das Thema Rassismus hier praktisch keine Rolle. Die junge Christina und ihr Freund Isaac (Y‘lan Noel) leben in Louisiana in den 1980er Jahren in sehr bescheidenen Verhältnissen, wie schon ihre Eltern. Aber mit Mae und Michael präsentiert Stella Meghie bewusst zwei Vertreter der heutigen, gut situierten und beruflich erfolgreichen Mittelschicht. Sie führen ein freies, selbstbestimmtes Leben. Und doch haben auch sie ihre Probleme, denn werden sie eine Beziehung führen können, die der Atlantische Ozean trennt?

Es dauert lange, bis man in diese Geschichte hineinfindet und begreift, wer ihre Hauptpersonen sind, um wen es gerade geht. Die Wechsel zwischen Zeiten und Orten erfolgen oft ganz unvermittelt. Für die Liebesbeziehung zwischen Mae und Michael nimmt sich der Film Zeit und vertieft sich mit Stil und Eleganz in einzelne Szenen, die mit Jazzmusik von Robert Glasper unterlegt sind. Aber es gibt eigentlich keinen rechten Grund, mit Mae und Michael mitzufiebern. Die Handlung plätschert ein wenig versonnen dahin und Nebencharaktere wie Michaels Bruder samt Familie beanspruchen auch Raum, ohne etwas Wesentliches beizutragen.

Aufwühlender gestaltet sich die Geschichte von Christine und Isaac. Es gibt einen Moment, als sie sich, bereits getrennt, wieder gegenüberstehen und Isaac mit wenigen Worten und Gesten verrät, wie sehr er Christine immer noch liebt. Hier erhält das Drama eine emotionale und schauspielerische Intensität, die ihm sonst über weite Strecken fehlt.

Fazit: Eine junge Frau opfert in den 1980er Jahren ihre Liebe der künstlerischen Selbstverwirklichung. Ihre Tochter schenkt 30 Jahre später in New York einem Mann ihr Herz, der wegen des Berufs nach London ziehen will. Der romantische Film der Regisseurin und Drehbuchautorin Stella Meghie erzählt die beiden Geschichten, die konsequent um afroamerikanische Charaktere, ihre Lebensumstände und ihr Selbstverständnis kreisen, im Wechsel. Während die Eleganz der Inszenierung oft beeindruckt, lässt die emotionale Fallhöhe aber über weite Strecken zu wünschen übrig.




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