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Der Himmel über dem Camino
Der Himmel über dem Camino
© 24 Bilder © Ascot Elite Filmverleih GmbH

Kritik: Himmel über dem Camino - Der Jakobsweg ist Leben! (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Jakobsweg durch Spanien nach Santiago de Compostela erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit, was sich auch in der stetig wachsenden Zahl der Reiseberichte niederschlägt. Nun kommt ein Dokumentarfilm von 2019 in die deutschen Kinos, der auch ganz gut ins Jahr 2021 passt: Weil der 25. Juli, der Tag des Heiligen Jakobus, auf einen Sonntag fällt, gilt es in Santiago de Compostela als Heiliges Jahr. In einem solchen steigt die Anziehungskraft des Jakobwegs erfahrungsgemäß. Und falls Corona-Beschränkungen oder andere Gründe das Begehen vor Ort nicht erlauben, möchten ihn sicher viele Menschen im Geiste beschreiten.

Der Erstlingsfilm der Regisseure Noel Smyth und Fergus Grady begleitet sechs Wanderer aus Neuseeland und Australien. Sie zählen zu den rund 50 Prozent der zeitgenössischen Pilger, deren Motive persönlicher statt religiöser Natur sind. Eine gewisse Spiritualität bleibt trotzdem nicht aus. Das Auf und Ab des langen Weges führt die Menschen an ihre Grenzen, lässt sie den Blick nach innen richten, Selbstvertrauen gewinnen. Die Strapazen – oft regnet es in Strömen -, das Erleben einer Gemeinschaft unterwegs bewirken Demut und Dankbarkeit. Die geöffneten Sinne machen Terry, Claude und die anderen auch empfänglich für die ehrwürdige Tradition des Weges.

Die Kamera fängt unterwegs spontan ausdrucksstarke Situationen ein. In einer Bar, in der eine Frau zur Gitarre singt, bricht Julie in Tränen aus. Für die Witwe, die auch ihren Sohn verlor, wird der gesamte Weg auf sehr berührende Weise ein Ort intensiver Trauerarbeit. Aber auch die Geschichten anderer bewegen. Die optimistische, starke Sue hat Tag für Tag mit körperlichen Schmerzen zu kämpfen und will dennoch nicht aufgeben. Mark erzählt von seiner Begegnung mit einem Hund, der ihm half, trotz Erschöpfung einen Hügel zu erklimmen. Er vermutet in dieser intuitiven Verbindung von Mensch und Tier einen Gruß aus dem Jenseits.

Um die Dramaturgie zu stärken, springt die Erzählung in der Zeit manchmal vor und zurück. Ein paarmal nimmt eine Drohne die Landschaft von oben ins Visier, in der die Pilger zu winzigen Gestalten schrumpfen. Die Filmmusik mit ihren Songs wirkt zunächst dezent, dreht aber später an manchen Stellen etwas zu mächtig auf. Am Schluss liest man in den Gesichtern der Pilger Zufriedenheit, Freude, leisen Stolz. Sie würden den eingangs im Film zitierten Spruch von Hippokrates, "Gehen ist des Menschen beste Medizin", sicherlich unterschreiben.

Fazit: Das Pilgern auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela erweist sich auch in diesem reizvollen Dokumentarfilm von Noel Smyth und Fergus Grady als Metapher für das Auf und Ab des Lebens. Die sechs Frauen und Männer, die sich mit der Kamera begleiten lassen, öffnen ihre Sinne, wachsen an den Strapazen, erleben die eigene Gefühlswelt intensiver als sonst. Besonders bewegt die Trauerarbeit, die manche aufgrund von Schicksalsschlägen leisten. Das Pilgern wird als ganzheitliches Abenteuer für Leib und Seele mit einem Hauch Spiritualität erfahrbar.




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