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What You Gonna Do When the World's on Fire
What You Gonna Do When the World's on Fire
© Grandfilm

Kritik: What You Gonna Do When the World's on Fire (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit seinem in zeitlosem Schwarz-Weiß gedrehten Dokumentarfilm wollte Roberto Minervini 2018 die Diskussion über Rassismus und seine Folgen in den USA befeuern. Da konnte er nicht ahnen, mit welcher Kraft zwei Jahre später die Black-Lives-Matter-Bewegung die ganze Gesellschaft erfassen würde, neu entzündet durch den grausamen Tod von George Floyd unter dem Knie eines weißen Polizisten.

Auch der aus Italien stammende Minervini, der in den USA lebt, beobachtet Proteste gegen tödliche Polizeigewalt. Er darf im Jahr 2017 Aktivisten der New Black Panther Party in Louisiana und Mississippi mit der Kamera begleiten. Nach mehreren Fällen von Polizeigewalt und zwei Lynchmorden an Schwarzen geht es für die Parteivorsitzende Krystal Muhammad und ihre Gefolgsleute darum, auf der Straße Präsenz zu zeigen, gegen die grassierende Angst. Mitunter wirkt die kleine Gruppe, die die Fäuste vor vorbeiziehenden Autos reckt, ziemlich verloren.

Die Besucher, die in Judys Bar in New Orleans diskutieren, haben Armut, Schicksalsschläge, soziale Ausgrenzung erfahren. Hier richten sie sich gegenseitig moralisch auf. Minervini kommt den Protagonisten in seinem rein beobachtenden Film menschlich sehr nahe, er fängt wie beiläufig berührende, dramatische Momente ein. Judy begleitet ihren Cousin zum Grab seiner Mutter und der Mann wird von der Erinnerung an seine schwere Kindheit überwältigt. Judy spricht liebevoll mit ihrer 87-jährigen, stets in sich ruhenden Mutter, die wegen der Gentrifizierung ihre Wohnung räumen soll.

Die beiden von ihrer Mutter streng erzogenen Brüder Ronaldo und Titus versuchen brav gegen den Strom zu schwimmen, sich von Risiken fernzuhalten, nicht mit Dealern zu verkehren. Ronaldo erklärt dem Jüngeren ein wenig die Welt und dass er sich schlagen können muss. Obwohl, schränkt er ein, sich die Leute heutzutage nicht mit den Fäusten, sondern mit Schießwaffen bekämpften. Wie lange wird es der Mutter gelingen, die Söhne vor den Gefahren im Viertel abzuschirmen?

Wiederholt scheint in diesen Beispielen institutioneller Rassismus auf, oft in Form von Vernachlässigung, behördlicher Untätigkeit. Manchmal wirken die Porträtierten wie Sisyphos, der unermüdlich wieder und wieder denselben Stein einen Berg hinaufschieben musste. Obwohl sie in so gefährlichen, bedrückenden Umständen leben, machen Judy und die anderen weiter, vergessen nicht zu feiern, zu singen und an sich zu glauben. Dieses Ringen fängt der Film bewegend ein.

Fazit: Roberto Minervinis Dokumentarfilm aus dem Jahr 2018 fängt das Lebensgefühl mehrerer Bewohner afroamerikanischer Nachbarschaften im Süden der USA ein. Es ist von der Erfahrung eines alltäglichen, wiederholt auch mörderischen Rassismus geprägt. Aus heutiger Sicht scheint der Film beinahe schon die aktuelle Erstarkung der Black-Lives-Matter-Bewegung vorauszuahnen. Die in Louisiana und Mississippi, in schnörkellosem Schwarz-Weiß gedrehten Beobachtungen fangen die Not der Menschen, aber auch ihren Zusammenhalt berührend ein.




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