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Fragen Sie Dr. Ruth - Dr. Ruth Westheimer
Fragen Sie Dr. Ruth - Dr. Ruth Westheimer
© Filmwelt

Kritik: Fragen Sie Dr. Ruth (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Dr. Ruth Westheimer ist auch hierzulande ein Begriff. Häufig ist die Soziologin und Sexualtherapeutin in Talkshows im deutschen Fernsehen zu Gast, ihre Sachbücher stehen in den Buchhandlungen. Ein echter Star ist Westheimer aber in den USA, in die sie 1957 emigrierte. Das zeigt schon die kurze und amüsante Collage von TV-Ausschnitten, mit der Ryan White seinen Dokumentarfilm beginnt. Ein bunter Strauß Fernsehprominenz; nicht alle darunter sind mehr am Leben, eins haben sie aber gemeinsam: Westheimers Humor kann niemand das Wasser reichen.

White hat seinen Dokumentarfilm rund um Westheimers 90. Geburtstag gebaut. Er begleitet sie durch ihren Alltag, der immer noch vor Terminen überquillt. Auch im betagten Alter lässt sich diese Powerfrau nicht von Radio- und Fernsehauftritten, von Gastreden und Gastdozenturen abhalten. Ihren trockenen, scharf analysierenden, dabei aber stets wohlgesinnten Humor bekommen nicht nur ihre Gesprächspartner, sondern bald auch White hinter der Kamera zu spüren.

Westheimers Erfolg hat mehrere Faktoren. Ihre Schlagfertigkeit ist nur einer davon, ihr starker deutscher Akzent ein anderer. Ebenso dazu zählen die Tatsachen, dass sie erst im fortgeschrittenen Alter einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde und dass sie nur 1,45 Meter groß ist, worauf sie wiederholt augenzwinkernd anspielt. Dieses Gesamtpaket verfestigte ein medientaugliches Image von der freundlichen Großmutter, die Klartext redet. Hier kommen schließlich Westheimers größte Erfolgsgeheimnisse zum Tragen: ihre Offenheit und ihre Akzeptanz. Westheimer kennt keine Berührungsängste. Und weil für sie das Wort "normal" beim Sex nicht existiert, klammert sie wichtige Themen nicht aus, die konservative Gemüter als nicht normal bezeichnen, beschämen und verfolgen: Selbstbefriedigung, Homosexualität, AIDS.

Für europäische Augen mutet vieles davon merkwürdig an. Whites Film öffnet einem aber noch einmal nachdrücklich die Augen für das schizophrene Verhältnis der Amerikaner zum Sex – Prüderie und Puritanismus auf der einen, Freizügigkeit und Pornoindustrie auf der anderen Seite. Ohne je politisch sein zu wollen, war und ist Westheimer durch ihr Handeln politisch und ohne sich als Feministin zu verstehen, ist sie feministisch. Denn offen und vorurteilsfrei über Sex zu sprechen, wird stets zum politischen Akt, solange konservative Kräfte versuchen, das Thema zu tabuisieren und das Recht der Frauen auf ihren eigenen Körper und ihre sexuelle Selbstbestimmung zu beschneiden.

In "Fragen Sie Dr. Ruth" geht es aber nicht nur um Sex. Wenn White gemeinsam mit Westheimer in ihre Vergangenheit eintaucht, alte Weggefährten trifft, die Orte ihrer Kindheit, Jugend und Adoleszenz besucht und sich mit Westheimer und ihrer Familie an einen Tisch setzt, dann wird sein Dokumentarfilm zu einer mehr als beachtlichen Geschichtsstunde und zu einer bewegenden Familiengeschichte. Trotz allen Leids schwingt dabei immer Lebensfreude mit, weil sich Westheimer diese einfach nicht nehmen lässt.

Formal geht in diesem Film einiges wild durcheinander. Die animierten Sequenzen aus Westheimers Kindheit etwa wollen nicht recht zum Rest des Films passen. Und auch eine Brücke zu aktuellen politischen Debatten schlägt White nicht. Wer diese Debatten – etwa über den Sexualkunde-Unterricht an Schulen oder sexuelle Gewalt gegen Frauen – aber verfolgt, zieht die Querverbindungen selbst. Dank der umwerfenden und selbst mit 90 Jahren noch umtriebigen Protagonistin mach Whites Film unmissverständlich klar, dass es auf die Größe nicht ankommt, sehr wohl aber auf das offene Gespräch.

Fazit: Ryan Whites Dokumentarfilm über die bekannte Sexualtherapeutin Ruth Westheimer lässt formal zu wünschen übrig, inhaltlich dafür keine Wünsche offen. "Fragen Sie Dr. Ruth" ist ein intimes, bewegendes und lebenslustiges Porträt einer lebenshungrigen, bodenständigen, mutigen und bewundernswerten Frau. Das Publikum lernt viel über die Liebe und das Leben, vor allem aber etwas über einen offenen und unbefangenen Umgang mit der (eigenen) Sexualität und wie wichtig dieser gerade heute ist.




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