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Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit
Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit
© JIP Film und Verleih

Kritik: Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Einer breiten Öffentlichkeit sind die katastrophalen Arbeitsbedingungen osteuropäischer Leiharbeiter in der deutschen Fleischindustrie erst im Zuge der Coronakrise im Sommer 2020 bekannt geworden. Auf den Tönnies-Skandal reagierte die Politik mit einem geplanten Verbot von Werksverträgen und Leiharbeit in großen Schlachtbetrieben. Dass ein solches dringend nötig ist, ruft dieser Dokumentarfilm aus dem Jahr 2019 ins Bewusstsein.

In ihrem Abschlussfilm an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film befasst sich Yulia Lokshina mit Leiharbeitern, die sich am unteren Ende der kapitalistischen Hackordnung befinden und von der Gesellschaft kaum wahrgenommen werden. Eine Gruppe Münchner Gymnasiasten diskutiert in ihrem Theaterprojekt die Aktualität des kritischen Dramas "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", das Bertolt Brecht 1931 veröffentlichte. Lokshinas essayistisch anmutender Film wurde beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2020 als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Die Regisseurin schlägt eine gedankliche Brücke vom Missstand in den Schlachtbetrieben zur Isolation der Leiharbeiter vom Rest der Gesellschaft. Sie schaut sich Containerbaracken an, in denen Leiharbeiter wohnen, lässt sich von einem Paar aus Litauen erzählen, wie die Beschäftigten am Fließband ständig gedrängt werden, schneller zu arbeiten.

In Gütersloh geht die Aktivistin Inge Bultschnieder mit der Kamera im Gefolge den Weg einer Leiharbeiterin zu der Stelle nach, an der sie 2015 ihr Neugeborenes aussetzte. Diese Passage stellt den dramatischen Höhepunkt des Films dar. Die Migrantin, die eine Haftstrafe absolvierte, bekommt ein Gesicht und außerdem etwas von ihrer verlorenen Würde zurück. Das geschieht, indem sich der Film mit Bultschnieder in die damalige psychische Ausnahmesituation der Frau hineinversetzt, statt reflexhaft auf Distanz zu gehen.

Die Passagen mit den Theaterproben am Gymnasium zeigen junge Menschen, die ihren geistigen Horizont erweitern. Wenn Lokshina hier und andernorts Ratlosigkeit und halbherzige Betroffenheit aufspießt, so gehört das zum filmischen Konzept. Mal fährt die Kamera einen Werkzaun ab, folgt Menschen durch halbdunkle Straßen, inspiziert Gesichter am Rande eines Karnevalsumzugs. Über solchen Passagen könnte "Raum zum Nachdenken" stehen. Dabei ist die filmische Botschaft, nicht länger achselzuckend wegzuschauen, doch deutlich vernehmbar.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Yulia Lokshina setzt sich mit der Not und sozialen Ausgrenzung osteuropäischer Leiharbeiter auseinander, die in der deutschen Fleischindustrie schuften. Die tastenden Beobachtungen und Gespräche aus der Zeit vor der Corona-Pandemie kreisen nicht nur um die faktischen Missstände, sondern auch um die Frage, warum der öffentliche Aufschrei ausbleibt. Mit einer gymnasialen Theatergruppe, die ein Stück von Brecht probt, zieht eine Ebene reflektierender Kapitalismuskritik ein. Dem Film gelingt es mit seinem essayistischen Stil, auf blinde Flecken im gesellschaftlichen Bewusstsein hinzuweisen.




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