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Wim Wenders, Desperado
Wim Wenders, Desperado
© 24 Bilder © Studio Hamburg Enterprises GmbH

Kritik: Wim Wenders, Desperado (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wim Wenders sei als Filmemacher ein Desperado, sagt der Schauspieler Patrick Bauchau. In "Der Stand der Dinge" (1982) gab er Wenders' Alter Ego Friedrich Munro. Beinahe 40 Jahre später erinnert sich Bauchau in einem Interview an die Dreharbeiten. Wenders verhalte sich wie ein Fallschirmspringer, der sich wagemutig in seine Filme stürze, ohne zu wissen, ob der Fallschirm am Ende aufgehe. Und Patti Smith, die auf dem Soundtrack von "Bis ans Ende der Welt" (1991) zu hören ist, ergänzt, dass Wenders' Werke deshalb so gut funktionierten, weil er einfach seine Flügel ausbreite, sollte sein Fallschirm einmal versagen.

Wie wichtig dem 1945 geborenen Filmemacher und Fotografen, der eigentlich Maler werden wollte und dafür in jungen Jahren vom Ruhrpott nach Paris zog, das Abenteuer des Erzählens ist, macht er vorneweg selbst klar. Ein Regisseur dürfe am Anfang der Dreharbeiten nicht wissen, wie sein Film ausginge. Für Wenders, der so viele Roadmovies gedreht hat, ist der Prozess des Filmemachens selbst ein Roadtrip. Dass diese Arbeitsweise, bei der Wenders das Drehbuch während der Dreharbeiten um-, weiter- oder überhaupt erst schreibt, wie im Fall seines US-Debüts "Hammett" (1982) auch krachend scheitern kann, spart dieser Dokumentarfilm nicht aus. Und auch Wenders' wachsende Frustration, seine für ihn untypische, aber mit dem Alter zunehmende Ungehaltenheit und die Tatsache, dass seine Dokumentarfilme inzwischen so viel besser als seine Spielfilme sind, kommen zu Wort.

Eric Friedler und sein Co-Regisseur Andreas Frege alias Campino, Sänger der Toten Hosen, der bereits mehrfach vor Wenders' Kamera stand, stellen ihren Protagonisten nicht auf ein Podest, begegnen ihm aber mit Respekt. Wie nähert man sich einem Regisseur, der stets mehr mit Bildern als mit Worten erzählt? Friedler und Frege lösen die Aufgabe genau so, wie Wenders es wohl tun würde: visuell. Das Regieduo hat den Filmemacher ein Jahr lang begleitet und dabei ehemalige Drehorte besucht. Dort schlüpft nun der Schöpfer in die Rollen seiner Schöpfungen. Dann geht Wenders wie Harry Dean Stantons Figur Travis Henderson in "Paris, Texas" (1984) durch die Wüste, steigt wie Bruno Ganz' Jonathan Zimmermann in "Der amerikanische Freund" (1977) in Paris in die Metro oder setzt sich wie Arthur Brauss in "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1972) zu Erika Pluhar in Wien in die Tram.

Die Verschränkung von (filmischer) Vergangenheit und Gegenwart geht wundervoll auf. Friedler und Frege haben ihren Dokumentarfilm rund um "Paris, Texas" gebaut. Von diesem Wendepunkt in Wenders' Karriere schreiten sie in der Zeit zurück und nach vorn und gelangen immer wieder an ihrem Ausgangspunkt an. Dabei kommt zwar nicht alles zur Sprache – Wenders' langjährige Freundschaft mit Peter Handke, die gerade nach den jüngsten Diskussionen um den Literaturnobelpreisträger spannend gewesen wäre, bleibt etwa unerwähnt –, aber genug, um mehr als einen Film zu füllen.

Friedler und Frege gelingt der Spagat, Wenders' Werk kritisch-analytisch und dabei durchaus kunstvoll zu analysieren, zu hinterfragen und zu würdigen. Ihr Film macht Lust, viele der darin versammelten Filme noch einmal oder überhaupt erst zu sehen. Wim Wenders' wie immer wunderbar eigensinniger Kollege Werner Herzog bringt es auf den Punkt. Ein Rat, den er Studierenden erteilen würde, lässt sich verkürzt auf das Kinopublikum übertragen: "[S]chau dir Wims Filme an, du Depp!"

Fazit: Dieser Dokumentarfilm nimmt einen der bekanntesten und bedeutendsten deutschen Filmemacher unter die Lupe. Den Regisseuren Eric Friedler und Andreas Frege alias Campino gelingt es dabei, Wim Wenders' Leben und Werk kritisch-analytisch und dabei durchaus kunstvoll zu analysieren, zu hinterfragen und zu würdigen. "Wim Wenders, Desperado" macht Lust, Wenders' Filme noch einmal – am besten auf der großen Leinwand – zu sehen.




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