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Kritik: Stage Mother (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Diese bewegende Tragikomödie holt ihre mütterliche Heldin aus ihrer konservativen texanischen Umgebung heraus, um sie in die schillernde Welt der Drag Queens von San Francisco zu versetzen. Je mehr die einen breiten Südstaatenakzent pflegende Maybelline dort mit dem Milieu ihres verstorbenen Sohnes in Kontakt kommt, desto kräftiger mischt sie darin mit. So macht die texanische Matrone eine spannende späte Entwicklung durch, mit der sie sich postum ihrem entfremdeten Sohn annähert und ihre eigene Liebe zur Musik und zum Showbiz von der Leine lässt. Unter der Regie von Thom Fitzgerald entfaltet das gefühl- und humorvolle Drama beschwingten Charme.

Als Maybelline die Drag Queens in ihren bunten Kostümen und mit ihren aufgetürmten Frisuren auf der Bühne des Nachtclubs in San Francisco stehen sieht, tritt ein Leuchten in ihre Augen. Zwar hat sie, gemeinsam mit ihrem Redneck-Ehemann, die Neigungen ihres verstorbenen Sohnes zeit seines Lebens abgelehnt. Nun aber hilft ihr ihre eigene Leidenschaft für Musik und Show, sein Milieu zu erkunden. Sie möchte seinen Nachtclub retten und seinen Freunden gegenüber gutmachen, was sie bei ihm versäumt hat. Mit sanfter Beharrlichkeit setzt sich die patente Frau gegenüber Nathan, dem abweisenden Lebenspartner ihres Sohnes, durch und krempelt den Club gründlich um. Die Drag Queens schließen sie als Chefin und mütterliche Vertraute in ihr Herz. Die Australierin Jacki Weaver spielt Maybelline hervorragend als gutmütige, umgängliche Person, in der eine rebellische Ader schlummert. Mit einem sanften Lächeln scheint sie um Entschuldigung dafür zu bitten, dass sie eine eigene Meinung hat.

Es macht Spaß, die brav wirkende Texanerin im Nachtclub aufblühen zu sehen. Sie setzt sich mit Worten durch, in denen Schalk und Eigensinn aufblitzen. So antwortet sie ihrem Ehemann, der sie abholen will, weil es zu Hause so still geworden sei, er solle doch Johnny Cash auflegen. Das Erbe ihres Sohnes verhilft Maybelline zur Erkenntnis, wie sehr sie ihre eigenen Interessen im miefigen Provinzalltag vernachlässigt hat. Die verschiedenen Nebenfiguren wie die Drag Queens, Nathan, Maybellines weltgewandter Verehrer August und ihre junge Wohnungsgenossin Sienna ergeben ein buntes, gut besetztes Ensemble. Dem Reiz dieses sanft vergnüglichen Films kann man sich im Grunde gar nicht entziehen.

Fazit: Eine brave texanische Kirchenchorleiterin erbt von ihrem verstorbenen Sohn einen Dragshow-Club in San Francisco. Dort wirkt sie zwar deplatziert, aber mit ihrer mütterlichen Art und ihrer künstlerischen Kreativität macht sie sich schnell unentbehrlich. Die charmante Tragikomödie des Regisseurs Thom Fitzgerald überzeugt mit ihrem Ensemble interessanter Charaktere, vor allem aber mit der großartig spielenden Jacki Weaver in der Hauptrolle. Die späte Emanzipation der Südstaaten-Matrone, die um ihren entfremdeten Sohn trauert und Gefallen an seinem Werk und Umfeld findet, wird mit Gefühl und Humor erzählt.




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