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Das Perfekte Schwarz
Das Perfekte Schwarz
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Kritik: Das Perfekte Schwarz (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilm von Tom Fröhlich ist eine poetische, kontemplative Annäherung an die geheimnisvolle Farbe Schwarz. Was das Schwarz so besonders macht, ist sein Nihilismus. Es gilt gar nicht als Farbe, sondern als komplette Verneinung von Licht. Es ist die Dunkelheit, in die der Mensch gerne blicken würde, in der aber auch das Unheimliche lauert und die Vernunft schläft. Schwarz ist der Kontrast, der Schatten, der die Sinne schärft und Farben leuchten lässt. Schwarz bringt in der menschlichen Seele tiefe Saiten zum Klingen. Sechs Menschen setzen sich aus sehr verschiedenen Perspektiven mit der Frage nach dem perfekten Schwarz auseinander.

Natürlich ist der Film selbst, passend zum Thema, in Schwarz-Weiß gedreht. Der Astrophysiker, die Meeresbiologin, der Tätowierer und der Kunstdrucker nähern sich dem Thema aus beruflicher Sicht. Sie erforschen praktisch das Wesen der Farbe Schwarz oder der perfekten Dunkelheit als Teil der materiellen, äußeren Welt. Wobei der Tattoo-Künstler darauf schaut, wie der Mensch das Schwarz benutzt, um etwas zu erkennen, zu zeichnen und zu verewigen. Wie er lassen auch die meisten anderen Gefühle in ihre Betrachtungen einfließen. So erzählt beispielsweise die Meeresbiologin, dass sie in der Dunkelheit der Tiefsee eine große Geborgenheit empfinde und sich früher den Meeresboden als alternatives Paradies vorgestellt habe. Die Erzählungen erfolgen mit einer Ausnahme aus dem Off, was den Eindruck erzeugt, die Sprechenden blickten selbst hinaus ins Dunkel, wie die Kamera, die den Sternenhimmel betrachtet oder die Wasserblasen unter dem Tauchboot im Ozean.

Mit der Synästhesistin kommt ein Aspekt zur Sprache, der auch alle Menschen betrifft, die Farben nicht hören können. Farben versetzen das Gemüt in Schwingung. Es ist interessant zu erfahren, dass Schwarz keineswegs vorwiegend mit Tod in Verbindung gebracht wird, auch nicht von der Malerin, die so bewegend über ihre Trauerarbeit spricht. Für manche ist Schwarz eine tiefe Wahrheit, ein Anker, ein Kontrastmittel, um Räume zu erschließen. Der sinnlich-kontemplative Film regt die Fantasien der Zuschauer an. Wenn im Abspann, wie zur bildlichen Zusammenfassung, schwarze Tinte ins Wasser fällt und sich in Kringeln, Knäueln und Schleifen darin verteilt, sieht man einem stofflichem Ballett zu, das intuitiv erschlossen werden will.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Tom Fröhlich befasst sich auf poetisch-kontemplative Weise mit dem perfekten Schwarz. Sechs Menschen, die sich zum Teil beruflich, zum Teil privat mit dem Phänomen des Dunklen auseinandersetzen, gewinnen ihm interessante, widersprüchliche Aspekte ab. Schwarz spricht das Gefühl an, es kann für Tod, das Nichts, die Leere stehen, aber auch für Kontur, Wahrheit, Echtheit und den Reiz des Unergründlichen. Der ansprechend komponierte Film regt die Fantasie an und erinnert daran, dass der Mensch im Geiste selbst einem Raumschiff gleicht, das sich im unbekannten Universum zu verorten sucht.




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