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Der Bär in mir
Der Bär in mir
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Kritik: Der Bär in mir (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Schweizer Dokumentarfilm von Roman Droux führt sein Publikum unglaublich nahe an die Grizzlybären Alaskas heran. Er erlaubt fundierte Einblicke in das Leben der Raubtiere, die sich im Sommer an der Küste des Katmai-Nationalparks aufhalten und Lachse aus dem Fluss fischen. Zugleich beobachtet der Film auch den Alltag des erfahrenen Bärenforschers David Bittner, der oft ganz ruhig am Wasser sitzt und fasziniert die Tiere betrachtet, die sich in seiner Nähe tummeln.

Bittner weiß, dass er selbst nicht beliebig nahe an die Tiere herantreten darf. Er lässt die Bären selbst bestimmen, welchen Abstand sie wahren wollen. Manchen Bären hat Bittner bereits in früheren Jahren Namen gegeben, für Luna und Balu ist er kein Fremder mehr. Einzelne Tiere kommen neugierig an die Zelte heran, so wie Luna, die gerne in unmittelbarer Nähe schläft. Bittner kennt auch Olivers Geschichte. Der alte Bär, der nicht mehr gut sieht, aber trotzdem seine Fische fangen kann, war der König des Reviers, bis der jüngere Bruno ihm den Rang ablief.

Oft macht Bittner den Filmemacher aufmerksam auf neue Bären, steuert spannende Informationen bei und teilt seine Begeisterung für diese Tiere ansteckend mit. Droux, dessen Eindrücke als Off-Kommentar eingesprochen werden, lernt im Laufe der drei Monate die Verhaltensweisen und Vorlieben mehrerer Bären kennen, wird Zeuge ihrer Abenteuer und auch tragischer Schicksale. Es entstehen wunderbare Naturaufnahmen, beispielsweise wenn die Bären beim Lachsfang in Zeitlupe gefilmt werden oder die Kamera die Kolosse auf der Küstenwiese aus luftiger Höhe anvisiert.

Droux verhehlt nicht, dass ihn der erste Streifzug außerhalb des mit Elektrozaun gesicherten Schlafplatzes Überwindung kostet. Er erwähnt auch, dass in dieser Region der Tierfilmer Timothy Treadwell von einem Bären getötet wurde – wovon Werner Herzogs Dokumentarfilm "Grizzly Man" aus dem Jahr 2005 erzählt. Zwar scheinen die Bären den Respekt, mit denen ihnen Bittner begegnet, zu spüren und zu erwidern. Aber auch er ist sich der grundsätzlichen Gefahr bewusst, in die er sich begibt.

Manchmal ist diese Gefahr förmlich mit Händen zu greifen, wenn beispielsweise eine Situation aufgrund der großen Anzahl der Tiere unübersichtlich wird. Eines bleibt ständig klar: Der Mensch ist hier allenfalls als rätselhafter Gast aus einem fremden Universum geduldet.

Fazit: Indem er sich mit dem Biologen und Tierforscher David Bittner unter die Grizzlybären Alaskas mischt, gelingt dem schweizerischen Regisseur Roman Droux ein Dokumentarfilm voller sensationeller Aufnahmen. Im Laufe der drei Monate, die die beiden Männer in der menschenleeren Wildnis verbringen, kommen sie den Bären nicht nur räumlich sehr nahe. Sie lernen auch die individuellen Eigenschaften mehrerer dieser imposanten Raubtiere kennen und nehmen Anteil an einzelnen Schicksalen. Dabei wandelt der Film auf einem schmalen Grat zwischen Faszination für die Tierwelt und einem Abenteuer, dessen Gefährlichkeit den Protagonisten stets bewusst ist.




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