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Kritik: Still Here (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Nach mehreren Kurzfilmen legt der rumänisch-amerikanische Regisseur Vlad Feier mit "Still Here" sein Langfilmdebüt vor. Der Inhalt ist von wahren Ereignissen inspiriert. Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung trifft Feier damit einen Nerv. Denn dieses Drama erzählt nicht nur vom Hoffen und Bangen einer Familie, deren Tochter spurlos verschwindet, sondern auch von institutionellem Rassismus und ganz nebenbei zudem von journalistischer Sorgfaltspflicht. Allesamt Themen, die im Sommer 2020 nicht nur in den USA von großer Bedeutung sind.

Der Film ist gemeinsam mit der Kamerafrau und Produzentin Ana Paula Rivera entstanden, mit der Feier eine Produktionsfirma betreibt. Die gebürtige Mexikanerin packt das harte Schicksal der Figuren in ansehnliche Bilder. Dank der vorzüglichen Montage von Steve McClean und Georg Petzold sind sie beständig im Fluss und verleihen dem Drama ein angenehmes Tempo, das das Publikum bis zum Filmende bei der Stange hält. Vom Drehbuch und Schauspiel lässt sich das leider nicht sagen.

Feier, der das Drehbuch zusammen mit Peter Gutter geschrieben hat, erzählt die Geschichte aus drei Perspektiven. Davon überzeugt jedoch nur der Handlungsstrang aus Sicht des Familienvaters. Und schon dieser Blickwinkel weist einige unglückliche inszenatorische Entscheidungen auf, etwa die Gedanken des Protagonisten auf der Tonspur wiederzugeben. Dadurch durchweht dieses Drama wiederholt ein Hauch von Noir-Krimi, der nicht zum Rest passt.

Unterschiedliche Stimmungslagen und Unstimmigkeiten, die sich nicht in ein stimmiges Ganzes fügen, sind denn auch das größte Manko dieses Erstlings. Die Handlung und Figuren vollführen unglaubwürdige Sprünge. Im Bemühen, auf Rassismus, Stereotype und Klischees aufmerksam zu machen, bedient Feier wiederum selbst zu viele. Sein Journalist ist ein weißer Snob mit schlechtem Gewissen und Rettersyndrom, seine Polizisten bleiben reine Abziehbilder eines good cop und bad cop. Und die Versuche, diese Stereotype in reflektierenden Dialogen aufzubrechen, bleiben nicht nur jederzeit als solche erkennbar, sondern sind auch einfach schlecht gespielt.

Fazit: "Still Here" erzählt das Verschwinden eines Mädchens als soziales Drama, driftet dabei aber immer wieder in andere Genres ab und vollführt zu viele große und unglaubwürdige Sprünge. Im Bemühen, Rassismus, Stereotype und Klischees kritisch zu beleuchten, bedient Vlad Feier in seinem Langfilmdebüt selbst zu viele davon. Trotz der immensen Bedeutung des behandelten Themas hinterlässt dieses Drama keinen bleibenden Eindruck.




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